Hunderttausende von Zuzüglern – Asylbewerber und Flüchtlinge – in Arbeit zu bringen, ist ein zentraler Aspekt der Integrationspolitik, auf die sich die Spitzen der Großen Koalition verständigt haben. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass unsere Wirtschaft sie dringend braucht und der Arbeitsmarkt mit seinen derzeit 600.000 unbesetzten Stellen sie auch in Zukunft leicht absorbieren kann. 

Es könnte sich dies jedoch als eine fatale Fehlkalkulation herausstellen. Das legen jedenfalls immer mehr Studien nahe, die sich mit der Entwicklung der Arbeit in den nächsten zwanzig Jahren beschäftigen. Roboter und Computer werden danach schon bis 2035 den Arbeitsmarkt von Grund auf verändern. Sie werden genau jene Stellen übernehmen, auf die wir die Neubürger setzen wollten. 

In einem 300-seitigen Bericht, den der Guardian ausgewertet hat, prophezeien die Analysten der Bank of America Merrill Lynch eine neue industrielle Revolution – die vierte nach der Dampfmaschine, der Massenproduktion und der Elektronik: die Robotik. Sie zitieren einen Bericht der Oxford University, wonach diese vierte Revolution binnen zwanzig Jahren 35 Prozent der britischen und 47 Prozent der amerikanischen Arbeiter um ihren Job bringen wird. Besonders gefährdet seien Niedriglohn-Jobs: Die technische Entwicklung werde sie überflüssig werden lassen.

Alles deutet darauf hin, dass dieser historische Paradigmenwechsel auch Deutschland nicht aussparen wird. Was die Frage aufwirft, ob unser Arbeitsmarkt im Jahre 2035, wenn wir Millionen Migranten qualifiziert und integriert haben, überhaupt noch aufnahmefähig ist für Massen von zusätzlichen Arbeitern und Angestellten.

Industriefabriken ganz ohne Arbeitskräfte

Noch steht das Roboter-Zeitalter ganz am Anfang. Das taiwanesische Unternehmen Foxconn, weltweit der größte Zulieferer im High-Tech-Bereich, will einen wachsenden Anteil seiner 1,2 Millionen Beschäftigten durch Fertigungsroboter ersetzen – 10.000 fürs erste, eine Million nach einem Xinhua-Bericht binnen drei Jahren. Die nächsten Generationen von iPad und iPhone werden wohl nicht mehr von Menschen montiert.

Auch anderswo zeichnet sich der neue Trend immer schärfer ab. Vivek Wadhwa, ein streitbarer und umstrittener Ökonom aus Stanford, gelangt zum gleichen Ergebnis wie die Experten in Oxford. Gegenwärtig kommen im Weltdurchschnitt 66 Roboter auf 10.000 Arbeiter, doch in der japanischen Automobilindustrie sind es heute schon 1525. In der chinesischen Provinz Guangdong wird gegenwärtig die erste Fertigungsstätte errichtet, die ganz ohne Arbeitskräfte auskommt. Tausend Roboter sollen dort die Arbeit von 2000 Menschen tun.

Und es werden überall mehr werden. Der Grund: wo das Offshoring – die Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer – eine Kostenersparnis von 65 Prozent ermöglicht, kann das Ersetzen der menschlichen Arbeitskraft durch Roboter die Kosten um 90 Prozent verringern. Dieselbe Wirkung wird erzielt, wenn Computer immer mehr wissensintensive Aufgaben übernehmen.

Übrigens auch, wenn 3-D-Drucker uns erst einmal erlauben, Spielzeuge und Haushaltsgegenstände zuhause zu drucken, dazu mechanische Geräte, Implantate, Schmuck und sogar Kleidung. Noch funktionieren die 3-D-Drucker nur langsam, schwerfällig und unsauber, doch wird sich das ebenso rasch ändern, wie dies bei den ersten Tintenstrahldruckern der Fall war. (Wobei Vivek Wadhwa ironisch anmerkt, man dürfe sich nicht wundern, wenn 2030 die Industrieroboter gegen die 3D-Drucker streikend auf die Straße gehen: "Die nehmen uns die Arbeit weg!")

Welche Art von Wirtschaft?

Das Thema "Zukunft ohne Arbeitsplätze" ist mir neu; ich bin durch Zufall darüber gestolpert. Und ich bin zu wenig Ökonom, um mich zwischen Optimismus und Pessimismus zu entscheiden. Werden sich die Beschäftigungslosen gegen die Industrialisierung 4.0 erheben wie einst Gerhart Hauptmanns schlesische Weber gegen die Industrialisierung 1.0? Droht uns ein Konflikt zwischen immer mehr Arbeitslosen – darunter auch die Migranten von heute und deren Nachkommen – und immer weniger Beschäftigten?

Oder haben die Optimisten recht, die im Aufkommen der Roboter eine Chance sehen, aus der Vision des großen englischen Nationalökonomen John Maynard Keynes Wirklichkeit werden zu lassen? Keynes hatte 1930 vorhergesagt, dass die Entwicklung der Technik die Menschheit bis 2030 in die Lage versetzt werde, nur noch 15 Stunden wöchentlich zu arbeiten und den Rest der Zeit Mensch zu sein, sich der kreativen Muße hinzugeben. 

Keynes warnte freilich auch: Wenn das Verhältnis von Arbeit und Gesellschaft nicht fundamental neu gedacht werde, könnte sich eine zusehends größere Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern auftun. "Wir sind in Gefahr", räsonierte er, "eine große Anzahl von Menschen zu schaffen, die nicht mehr gebraucht werden. Wir müssen uns fragen, welche Art von Wirtschaft wir wollen, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen."

Die Fragen des Cambridge-Gelehrten Keynes sind 85 Jahre alt. Wird es uns gelingen, bis zu seinem Zieltermin 2030 die richtigen Antworten zu finden?