Jahaha, da muss die Arbeitsministerin einmal laut lachen. Auch um zu zeigen, dass nicht alles möglich ist, was ausgebrütet wurde. "Aber die Idee gefällt mir", sagt Andrea Nahles, nachdem sie sich wieder in ihren Sessel zurückfallen lässt, den veilchenblauen Hosenanzug gerade zieht, sich einmal umschaut im Publikum.

Darum geht es hier schließlich, die gute Idee. Nahles sitzt an diesem Abend auf einem Podium in der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung, dem Forschungsinstitut der Sozialdemokratie. Sie hört sich Konzepte für die Arbeitswelt von morgen an, aus denen sie im Idealfall neue Gesetze formen kann. Nur diese eine Sache, dieses "Lebenschancenbudget",  wird nicht einfach zu machen sein: 60.000 Euro für jeden, der eine Auszeit im Job nehmen oder noch einmal studieren möchte. Darüber müsse man noch nachdenken, sagt Nahles. Und ergänzt: "Wir haben das durchgerechnet: Selbst die billigste Variante kostet 14 Milliarden Euro."

Ein bisschen merkwürdig ist dieses Setting schon: Die Ministerin ist als Podiumsgast eingeladen, dabei gehören Mitarbeiter aus ihrem Ministerium zu den Initiatoren des Vorhabens. Eine linksliberale Denkfabrik und die Ebert-Stiftung sollten erklärtermaßen "abseits von Wahlkampfgetöse und Koalitionszwängen" über Arbeitszeit und Jobgestaltung sinnieren. Jetzt sitzt Nahles da und diskutiert öffentlich über die Machbarkeit von zehn Thesen, die ihr nach eineinhalb Jahren Projektzeit vorgestellt wurden. Mitgebracht hat sie Manuela Schwesig, ihre Amtskollegin aus dem Familienministerium. Es soll hier auch ein Signal ausgesendet werden: Seht her, wir sind die moderne, die progressive SPD. Wir probieren einen neuen Ansatz aus, wie sich soziale Wirtschaftspolitik machen lässt.

Geräuschlose Machterweiterung

Das passt ins größere Bild, das momentan von der SPD-Politikerin Nahles in Berlin gezeichnet wird. Ohne offene parteiinterne Konflikte, geradezu geräuschlos versucht sie, sich neu zu platzieren und das eigene Machtgehege zu erweitern, indem sie wichtige Köpfe und Projekte an sich bindet. Jüngstes Anzeichen dafür: der zum Jahresbeginn angekündigte Wechsel von Yasmin Fahimi als Staatssekretärin ins Arbeitsministerium. Fahimi räumt den Posten der SPD-Generalsekretärin und entzieht sich dem in letzter Zeit schwierigen Verhältnis zwischen ihr und Parteichef Sigmar Gabriel. Die Profiteurin: Andrea Nahles, die mit Fahimi für das Arbeitsministerium eine Insiderin der Gewerkschaftsszene gewinnt.

Nachdem die Ministerin gleich zu Beginn dieser Legislaturperiode den Mindestlohn gegen Widerstände des schwarzen Koalitionspartners ohne größere Ausnahmen durgesetzt hat, gilt es nun, neue Ziele auch für den Wahlkampf 2017 zu entwickeln. "Ich glaube nicht, dass das hier Phantasterei ist", sagt Nahles an diesem Abend in der Ebert-Stiftung. Und pickt sich aus den zehn Thesen das Thema heraus, das in ihrem Ministerium ohnehin schon, wie sie sagt, mit "Priorität A" behandelt werde: eine flexiblere Gestaltung von Arbeitszeit.

Bisher hat jeder Beschäftigte das Recht dazu, von einer 40-Stunde-Woche auf Teilzeit zu reduzieren. Nur wieder zur Vollzeit zurückzukehren, darauf gibt es keinen gesetzlichen Anspruch. Und das soll sich ändern: "Wir wollen eine befristet Teilzeit für alle", sagt Nahles. Viele Menschen seien mit ihrer jetzigen Arbeitszeit sehr unzufrieden, deshalb müsse es mehr Freiheiten geben entsprechend der jeweiligen Lebensphase.

Unternehmen belohnen für gute Jobbedingungen

Berufsanfänger etwa wollten durchstarten und eher viel arbeiten, sagt Nahles. Wenn aber irgendwann Kinder hinzukämen, bräuchten Arbeitnehmer heute mehr Spielraum. Später wollen sie jedoch häufig wieder mehr arbeiten. Und dann wieder reduzieren, weil sie sich um Angehörige im Alter kümmerten. Hier meldet sich dann auch Familienministerin Schwesig zu Wort, die mit dem neuen Elterngeld plus auf eine solche Flexibilisierung zielt: Eltern können ihr Gehalt dadurch aufbessern, wenn sie in Teilzeit wieder früher anfangen zu arbeiten. Ein Maßnahme, die bisher aber nur für die Elternzeit gilt.

Nahles scheint an diesem Abend noch in einer weiteren Idee Potenzial zu erkennen. So empfehlen ihre Vordenker, Unternehmen mit einem Bonussystem zu belohnen, wenn diese für ihre Beschäftigten gute Arbeitsbedingungen schaffen würden. Was heißt das konkret? Gerade psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Jahrzehnten in der Arbeitswelt zugenommen und erzeugen damit mehr Kosten für Krankenkassen und Sozialversicherungen. Wenn Unternehmen darauf achten, dass ihre Mitarbeiter gesund bleiben, etwa indem sie für eine gute Arbeitsumgebung sorgen, könnten sie Steuern oder Beiträge zu den Sozialkassen sparen. Messen würde man dies zum Beispiel anhand der Krankheitstage im Betrieb.

"Hier Anreize für Unternehmen zu schaffen, finde ich besser, als sie zu bestrafen", sagt Nahles. Nur komme es darauf an, dass die Zahlengrundlagen für eine solche Maßnahme stimmten. "Wir sind bereit, die Idee weiterzuverfolgen", sagt die Politikerin schließlich. Genau daran wird auch sie sich letztlich messen lassen müssen: Wie innovativ kann Arbeitsmarktpolitik heute sein? Was davon lässt sich noch in dieser Koalition mit der Union umsetzen? Und mit welchen attraktiven Themen kann Nahles 2017 den Wahlkampf befüllen? Wenn sie diese Fragen richtig beantwortet, könnte dies auch für die persönliche Karriere der Politikerin Nahles förderlich sein.