ZEIT ONLINE: Axa-Chef Henri de Castries hat im Mai angekündigt, dass der Versicherungskonzern aus der Kohle aussteigen will: Bis zum Jahresende sollen Unternehmensbeteiligungen in einem Umfang von 500 Millionen Euro verkauft werden. Wie weit sind Sie damit?

Christian Thimann: Das ist nahezu abgeschlossen. Bis Ende Dezember wird voraussichtlich alles verkauft sein.

ZEIT ONLINE: Welche Unternehmen stößt Axa konkret ab?

Thimann: Wir nennen öffentlich keine Namen. Nur so viel: Es sind Unternehmen, die ihren Schwerpunkt im Kohlegeschäft haben, also mindestens die Hälfte ihres Umsatzes mit Kohle machen.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie den Klimaschutz ernst nähmen, müsste der Umsatzanteil der Unternehmen, die Sie verkaufen, doch viel niedriger sein.

Thimann: Wir hätten lange darüber diskutieren können, wo der Grenzwert am besten zu ziehen ist. Viel wichtiger war für uns, anzufangen. Wir alle müssen etwas gegen den Klimawandel tun; die Kohle wird als einer der Hauptverursacher gesehen – deshalb haben wir uns entschlossen, zügig zu handeln. Das ist aber nur der erste Schritt. Danach wollen wir unser ganzes Portfolio auf seine ökologische und soziale Nachhaltigkeit überprüfen und diese Kriterien nach und nach in unsere Investitionsentscheidungen einfließen lassen.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie werden irgendwann auch aus Öl und Gas aussteigen?

Thimann: Um das genau zu sagen, ist es noch zu früh. Zunächst werden wir uns im Laufe des kommenden Jahres einen Überblick darüber verschaffen, wie klimafreundlich unser Portfolio ist, und dann danach handeln. 

ZEIT ONLINE: Bis 2020 will Axa seine "grünen" Investitionen, also etwa in erneuerbare Energien, auf drei Milliarden Euro verdreifachen. Das klingt viel – ist aber nur ein Bruchteil des insgesamt verwalteten Gesamtvermögens von fast einer Billion Euro.

Thimann: Es gibt einen Grund dafür. Als Versicherer sind wir sehr stark an Regeln gebunden und können nicht völlig frei über unsere Investitionen entscheiden. Axa hat 87 Prozent in Anleihen angelegt, bei anderen großen Versicherern ist es ähnlich. Sie stecken drei bis fünf Prozent ihres Vermögens in Aktien und den Rest in Infrastruktur, Bargeld und alternative Anlageformen. Wir sind also nur mit einem kleinen Teil unseres Vermögens direkt an Unternehmen beteiligt. Und was Investitionen in Infrastruktur betrifft, so sind sie auch deshalb noch relativ gering, weil es nur ein geringes Angebot an Projekten gibt, die für private institutionelle Investoren geeignet sind.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so?

Thimann: Für Aktien müssen Versicherer 39 Prozent Kapital als Risikoschutz zur Seite legen, für europäische Staatsanleihen muss kein Kapital hinterlegt werden. Außerdem sind wir gezwungen, Aktien wie auch alle anderen Anlagen in unseren Büchern mit dem aktuellen Marktwert auszuweisen – selbst wenn wir sie noch Jahrzehnte lang halten wollen. Das klingt zunächst sehr technisch, aber es hat wichtige politische Konsequenzen. Die aktuellen Marktwerte können gerade bei Aktien stark schwanken, und auch dagegen müssen wir Kapitalpuffer aufbauen. Deshalb sind Aktien für Versicherer im aktuellen Regelwerk wenig attraktiv.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, es gehe vor allem darum, ein Zeichen für mehr Klimaschutz zu setzen. Das ist verdienstvoll. Aber wo ist der Business Case?

Thimann: Als wir uns entschieden haben, Kohlebeteiligungen zu verkaufen, ging es überhaupt nicht um Renditeaspekte. Der Klimawandel ist ein Problem, das uns noch lange begleiten wird. Er erhöht die Risiken für die Menschen und die Wirtschaft auf der ganzen Welt. Wir meinen, es liegt in unserer Verantwortung, etwas dagegen zu unternehmen – und zwar ganz ohne dass wir von der Politik dazu gezwungen werden.

ZEIT ONLINE: Der Klimawandel betrifft Ihren Konzern als Versicherer aber auch unmittelbar.

Thimann: Selbstverständlich. Schon jetzt nehmen Extremwetterereignisse zu, und der Klimawandel wird ihre Frequenz und Intensität in Zukunft noch verstärken. Axa hat im vergangenen Jahr weltweit etwa eine Milliarde Euro für Schäden ausgezahlt, die im weitesten Sinne mit Klimaereignissen zusammenhängen. Als es vor einigen Wochen in Südfrankreich über kaum mehr als zwei Stunden hinweg extrem schwere Regenfälle gab, betrug der Schaden für alle Versicherer zusammengenommen 500 Millionen Euro. Die Risiken sind also schon jetzt sehr groß, und sie werden steigen. Wir beobachten seit einiger Zeit, dass Häufigkeit und Intensität von schweren Klimaereignissen zunehmen.