ZEIT ONLINE: Frau Ministerin, die deutsche Regierung will auf dem Klimagipfel in Paris Vorbild für andere sein – hat aber im eigenen Land selbst Probleme mit der Energiewende. Wir riskieren sogar, unsere Klimaziele zu verfehlen. Wie kann das zum Vorbild taugen?

Barbara Hendricks: Natürlich werden wir noch stärkere Signale zur Dekarbonisierung brauchen. Aber wir haben die erneuerbaren Energien marktfähig gemacht und derzeit bestreiten wir mehr als 30 Prozent unseres Stromverbrauchs mit Erneuerbaren. In einem Industrieland, ohne jeden Stromausfall, das finde ich schon bemerkenswert. Ich kenne kein Industrieland, das im Klimaschutz mehr erreicht hat als wir.

ZEIT ONLINE: Aber es reicht nicht.

Hendricks: Es ist eben ein langer Weg. Die aktuelle Zwischenbilanz zum Klima-Aktionsplan der Bundesregierung belegt unsere Fortschritte, aber sie macht auch klar: Es wird kein Selbstläufer, bis zum Jahr 2020 unsere Kohlendioxidemissionen um 40 Prozent unter den Stand von 1990 zu senken. Aber wir arbeiten hart daran und werden es schaffen.

ZEIT ONLINE: Die Stilllegung von Kohlekraftwerken mit Prämien zu unterstützen, kostet unnötig viel Geld, im Verkehr ist Deutschland von seinen Klimazielen weit entfernt und jetzt wird auch noch die Energie-Einsparverordnung Enev angegriffen, die Energiestandards für Gebäude festschreibt. Was sagt die zuständige Ministerin dazu?

Hendricks: Selbst wenn interessierte Kreise jetzt angesichts der Flüchtlingskrise gefordert haben, die Enev im kommenden Jahr aufzuweichen: Das wird nicht passieren. Wir dürfen Wohnungsnot und Klimaschutz nicht gegeneinander ausspielen. Niemand kann ernsthaft von der Kanzlerin und mir erwarten, dass wir Deutschland glaubhaft auf der Klimakonferenz in Paris vertreten und danach diese Verordnung außer Kraft setzen.

ZEIT ONLINE: Was ist mit der Braunkohle? Prämien für Kohlekraftwerke dürften das Image Deutschlands in Paris nicht gerade stärken.

Hendricks: Wir subventionieren ja nicht die Kraftwerke, sondern ihren Reservebetrieb mit der anschließenden Stilllegung – auf diesen Unterschied lege ich schon noch Wert. Das kostet Geld, aber es kommt dem Klima zugute. Die machbare günstigere Alternative war bei unserem Koalitionspartner nicht durchsetzbar.

ZEIT ONLINE: Das mag sein, aber je teurer die Energiewende ist, desto unattraktiver wird sie für mögliche Nachahmer.

Hendricks: Jedes Land muss da seinen eigenen Weg finden, je nach politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten. Von uns kann man vor allem lernen, dass es teurer wird, wenn man den Kraftwerkpark nicht frühzeitig umstellt.

Viel wichtiger ist aber doch die Frage, welche Art von Energie-Infrastruktur die Schwellen- und Entwicklungsländer jetzt neu aufbauen: Entscheiden sie sich von vornherein für die Erneuerbaren oder für fossile Brennstoffe? Zum Beispiel viele Staaten Afrikas. Für die stellt sich die Frage nach einem Kohleausstieg überhaupt nicht, im Gegenteil. Eine dezentrale Stromversorgung ist dort für weite Regionen ideal, weil es keine Überlandleitungen gibt. Und durch die deutsche Energiewende sind die Erneuerbaren bezahlbar. Da spricht ganz viel für Sonne, Wind, Wasser- und Gezeitenkraft.

ZEIT ONLINE: Bis wann schafft Deutschland den Ausstieg aus der Kohle?

Hendricks: Es geht nicht um ein bestimmtes Ausstiegsdatum. Allerdings müssen wir uns darauf verständigen, wie wir unseren Beitrag zum europäischen Klimaziel – 80 bis 95 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen bis 2050 – erreichen. Daraus ergibt sich ganz klar: Wir müssen unsere Energieversorgung auf eine andere – nämlich eine erneuerbare – Basis stellen.

ZEIT ONLINE: Unterstützt Ihr Wirtschaftsminister einen Ausstieg bis 2040?