Sie sind Kellner in den Diners der Vororte, Sicherheitsleute in den Parkhäusern Manhattans oder Verkäufer an den Kassen der großen Drogerieketten und Walmarts im Land. Sie haben einen Highschool-Abschluss, aber nie eine Uni besucht. Viele von ihnen haben Kinder, die sie alleine aufziehen. Sie sind mittleren Alters, haben Kreditkartenschulden, rauchen oder trinken und nehmen Tabletten gegen Schmerzen und Depressionen.

So in etwa lässt sich Amerikas weiße Arbeiterschicht umreißen – und sie steht im Zentrum einer Studie, die in den USA für Aufregung sorgt. "Es legt sich ein dunkler Schatten über Teile unserer Gesellschaft, und wir wissen nicht, warum", schrieb Paul Krugman in der New York Times, nachdem die Princeton-Ökonomen Anne Case und Angus Deaton ihre Ergebnisse vorgestellt hatten.

Und die sehen tatsächlich düster aus. Die Sterberate der 45- bis 54-jährigen weißen Amerikanern ist seit 1999 jährlich um 0,5 Prozent gestiegen und die Lebenserwartung zurückgegangen. Sie bringen sich häufiger um, trinken sich häufiger zu Tode, nehmen regelmäßig Drogen und Tabletten. Zum Vergleich: Zwischen 1978 und 1998 sank die Sterblichkeit derselben Gruppe jährlich noch um zwei Prozent.

Betroffen sind vor allem Amerikaner ohne College-Abschluss, doch selbst bei den besser Ausgebildeten zeigt sich eine ähnliche Entwicklung, wenn auch in abgeschwächter Form. 500.000 Amerikaner, rechnen die Autoren vor, könnten heute noch am Leben sein, wären die Zahlen stabil geblieben. In keinem anderen Industrieland mit Ausnahme von Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es eine ähnliche Entwicklung.

"Hätte man raten müssen, hätte wohl kaum jemand auf diese Gruppe getippt", sagt James Smith, Experte für demografische Entwicklungen bei dem Thinktank Rand Corp in Washington. Niemand habe bis zur Veröffentlichung der Studie von dieser Entwicklung gewusst. "So etwas gibt es nicht oft", sagt Smith. US-Medien verglichen die Zahlen in den vergangenen Tagen mit jenen der Aids-Epidemie in den achtziger Jahren. In keiner anderen Bevölkerungsgruppe ist die Rate im gleichen Zeitraum gestiegen. Selbst unter Hispanics und Afroamerikanern fällt die Sterblichkeit weiter – um 1,8 und 2,6 Prozent pro Jahr –, auch wenn das Niveau noch immer deutlich höher ist.

Der amerikanische Traum ist geplatzt

Eine steigende Lebenserwartung wurde seit dem 19. Jahrhundert als Selbstverständlichkeit betrachtet. Jetzt beginnt unter Amerikas Experten die Suche nach Gründen für die plötzliche Trendwende. Die Autoren selbst deuten an, Verbindungen zu fehlender Erfüllung im Job, wirtschaftlicher Unsicherheit, immer schwächeren sozialen Netzen und wegbrechenden Traditionen seien "möglich". Sie trieben die weiße Unterschicht zunehmend ins Abseits und die Isolation. Die Washington Post sprach in einem Kommentar vom "perfekten Sturm" aus einem ganzen Mix an Faktoren.

Tatsächlich glauben viele, dass vor allem wirtschaftliche Gründe hinter der Entwicklung stecken. In der Vergangenheit, sagt Smith, hätten es vor allem die weißen Generationen immer besser gehabt als ihre Eltern. Jetzt sei der amerikanische Traum für sie geplatzt. Viele stießen an die Grenze, bevor sie den Lebensstandard ihrer Eltern erreicht hätten. "Es ist eine Generation, bei der es diese Garantie nicht mehr gibt", sagt der Arbeitsmarktexperte.