Finanzanalysten sind sich einig: An diesem Donnerstag wird Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, wahrscheinlich eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik im Euroraum verkünden. Die Zinsen bleiben niedrig, den Ankauf von Staatsanleihen könnte Draghi sogar noch einmal ausweiten. Für Draghis Kritiker ist das ein weiterer Schritt in die falsche Richtung: All das billige Geld heize eine Immobilienblase an, selbst Finanzminister Wolfgang Schäuble warnte bereits davor. 

Eindeutig belegen lässt sich diese Behauptung allerdings nicht, weder in der Theorie noch in der Empirie. In einer Studie, welche die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung gefördert hat und die ZEIT ONLINE vorliegt, haben Ökonomen Immobiliendaten aus 16 Industrienationen untersucht. Außerdem schauten sie sich die Immobilienmärkte in den USA, Großbritannien und Österreich in den 2000er Jahren und den Einfluss der Notenbanken genauer an.

Weder gebe es wissenschaftliche Belege, dass geldpolitische Fehler wie etwa niedrige Zinsen eine Immobilienpreisblase anheizen würden. Noch unterstütze die Empirie die These der Kritiker, schreiben die Autoren. "Eine Abweichung des Notenbankzinses von üblichen geldpolitischen Regeln hat keinen statistisch stabilen Einfluss auf die Bildung von Immobilienblasen", schlussfolgern sie. Vielmehr sei es auch eine Frage der Regulierung und der Verhältnisse auf dem Finanzsektor, ob es zu überhitzten Häusermärkten komme. So erhöhe ein großer und schnell wachsenden Finanzsektor, der im großen Stil Häuserkredite verbriefe, zusammen mit niedrigen Zinsen die Gefahren von Blasen.

Die Ökonomen der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft und der Freien Universität Berlin verglichen die USA und Großbritannien, weil es in beiden Ländern zu einem beeindruckenden Einbruch der Immobilienpreise kam. Gerade der sorglose Umgang in den USA mit Häuserkrediten gilt als Auslöser für den Crash und die weltweite Finanzkrise 2007/2008. Allerdings unterschieden sich die Geldpolitiken der Notenbanken: Die US-Notenbank Fed verfolgte in den 2000er Jahren eine relativ lockere Notenbankpolitik, die Bank of England hielt dagegen den Zins verhältnismäßig hoch. In Österreich kam es trotz der relativ niedrigen EZB-Zinsen zu keiner Immobilienkrise.

Für die Studienautoren sind gerade unterschiedliche Regulierungen ausschlaggebend: In den USA etwa hatte die Regierung das Insolvenzrecht geändert und so für einen Boom der sogenannten Kreditausfallversicherungen gesorgt. Ein riskantes und exotisches Finanzprodukt wurde so zu einem Standardinvestment, das am Ende die Krise mit verursachte. Auch Großbritannien deregulierte im großen Stil und lockte so neue Geldgeber in den Immobilienmarkt. In Österreich hätten dagegen eine strenge Regulierung und die öffentliche Förderung eine Überhitzung des privaten Immobilienmarkts verhindert.

Österreich schwacher Beleg

Allerdings ist gerade Österreich ein relativ schwacher Beleg für die These der Autoren. Hier gibt es relativ wenige Immobilienbesitzer, ähnlich wie in Deutschland wird vor allem gemietet. In Wien etwa liegt der Anteil von Mietwohnungen bei fast 80 Prozent. Möglicherweise ist also die Nachfrage schlicht zu klein für eine Blase am Immobilienmarkt.

Die Ökonomen kommen zu dem Schluss, dass in Österreich die öffentliche Förderung des Wohnungsmarkts, gerade im sozialen Wohnungsbau, und die Art der  Regulierung erfolgreich zu stetig stabilen Immobilienpreisen beigetragen hätten. Das Ergebnis ist sicherlich im Sinne der Stiftung. Allerdings klären die Autoren nicht, ob nicht nur wegen der strengen Regulierung eine Blase verhindert wurde, die sonst durch niedrige Zinsen hätte entstehen können.

Einen detaillierten Blick nach Deutschland wirft die Studie nicht. Bislang aber sind Marktbeobachter noch relativ gelassen. Bis auf einige Ausnahmen sei die Preisentwicklung noch gerechtfertigt – auch weil vielerorts Immobilien zuvor recht niedrig bewertet gewesen seien, sagt etwa Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Eine hohe Preisdynamik auf den Immobilienmärkten ist außerdem erst dann riskant, wenn zugleich die Kreditvergabe im Bankensektor anspringt oder Überkapazitäten im Bausektor im Zuge eines Baubooms entstehen."