Am 31. März 2014 veröffentlichte der "Islamische Staat" seine bislang letzte Geschäftsbilanz. Auf rund 400 Seiten, verfasst mit buchhalterischer Genauigkeit, listen die Islamisten ihren Terror des vergangenen Jahres auf: 4.465 Straßenbomben legten sie insgesamt, 1.047 Menschen erschossen sie mit Scharfschützengewehren, 238 Selbstmordattentäter jagten sich im Namen des IS und Allahs in die Luft.

Die Zahl der Exekutionen habe sich im Vergleich zum Vorjahr beinahe verdoppelt, ebenso die Zahl der Mörserattacken, teilten die Terroristen mit. Auch finanziell sei der IS exzellent aufgestellt, etwa durch die Eroberung der Zentralbankfiliale in Mossul mit ihren millionenschweren Geldspeichern.

Die Kernbotschaft der Islamisten: Wir wachsen – und wir sind gut in dem, was wir tun. Damit eröffnet der IS nicht nur wegen seiner beispiellosen Brutalität ein neues Kapitel in der Geschichte des internationalen Terrors. Auch die wirtschaftlichen Strukturen hinter dem Netzwerk sind einzigartig: Es gibt Organigramme, detaillierte Listen über Einnahmen und Ausgaben, selbst Lohnabrechnungen für Kämpfer tauchten schon auf. "Der IS wird wie ein normales Unternehmen gemanagt", sagt die US-Terrorforscherin Louise Shelley von der George Mason University in Virginia. Mit anderen Worten: Aus einem losen Netzwerk radikaler Islamisten ist der erste Terrorkonzern der Geschichte hervorgegangen.

Im Gegensatz zu anderen Unternehmen ist über die genauen Geldströme hin zum "Islamischen Staat" jedoch nur wenig bekannt. Laut dem Arbeitskreis für Maßnahmen gegen Geldwäsche, einer OECD-Unterorganisation, bezieht der IS seine Einnahmen vor allem aus drei Quellen, deren Ertrag teils extrem schwankt – je nachdem welche und wie viele Gebiete die Islamisten gerade besetzen.

  • Die höchsten Summen verdient der IS mit der wirtschaftlichen Ausbeutung kontrollierter Territorien: Die Islamisten rauben Bankeinlagen, kontrollieren und verkaufen Ölvorkommen und erheben Steuern von der Bevölkerung der eroberten Gebiete.
  • Der zweitgrößte Posten sind laut dem Arbeitskreis Lösegeldzahlungen für entführte Geiseln. Die Terroristen wählen ihre Geiseln dabei zunehmend nach ihrem Pass aus: Da die Regierungen der USA und Kanadas grundsätzlich kein Lösegeld zahlen, sind vor allem Europäer beliebte Entführungsopfer. Deutschland soll zuletzt im Sommer 2014 die Freilassung eines 27-jährigen Entwicklungshelfers mit einer siebenstelligen Summe erkauft haben. Offiziell bestätigt wurde ein solcher Deal nie. Insgesamt erwirtschaftet der IS schätzungsweise knapp 120 Millionen Euro an Lösegeldern pro Jahr.
  • Der IS profitiert außerdem von Spenden, die ihm häufig über komplizierte Firmen- oder NGO-Konstrukte zufließen. Bekannt ist etwa der Fall eines Russen, der vorgab, mit einer scheinbar gemeinnützigen Stiftung Geld für syrische Flüchtlinge zu sammeln. Tatsächlich aber landete das Geld als Unterstützung bei IS-Terroristen, wie die Behörden aufdeckten. Gelder sollen auch von reichen Geschäftsleuten und Organisationen in Saudi-Arabien, den Golfstaaten und Katar kommen.

Terrorforscherin Shelley hält die enormen Erdölvorkommen im Irak und Syrien nach wie vor für die ertragreichste Einnahmequelle des IS: "Sie machen viele Millionen damit." Allerdings sind die Einnahmen wohl gesunken: Im vergangenen Jahr sollen die Islamisten mit dem Ölschmuggel noch bis zu zweieinhalb Millionen Euro pro Tag verdient haben; dann begannen vor allem die USA, die vom IS kontrollierten Ölfelder zu bombardieren. Die Einnahmen brachen weg – auch wegen des niedrigen Ölpreises auf dem Weltmarkt und einiger Gebietsverluste der Terroristen.

Mittlerweile scheint sich das Geschäft jedoch wieder erholt zu haben: Luay al-Khatteeb, Direktor des Iraq Energy Institute (IEI) in London, schätzt, dass die Islamisten derzeit bis zu 40.000 Barrel Öl am Tag produzieren, "das meiste davon für den lokalen Markt". Bei einem Verkaufspreis auf dem Schwarzmarkt von etwa 30 Euro pro Barrel wandern so täglich rund 1,4 Millionen Euro in die Kriegskasse des IS. Die Herstellungskosten seien gering, was die Ölgeschäfte extrem lukrativ macht: Die Terroristen können sich über einen ausgezeichneten Cashflow freuen. Islamistische Weltanschauung trifft auf betriebswirtschaftliches Kalkül.