Eine Linksregierung in Portugal? Unter Einschluss einer Partei, die den Austritt aus Euro und EU favorisiert und einer anderen, die der Nato den Rücken kehren will? Du liebe Güte, nur das nicht. "In den 40 Jahren der Demokratie hatte Portugal niemals eine Regierung, die von anti-europäischen politischen Kräften abhing", empörte sich Präsident Aníbal Cavaco Silva, als die Pläne bekannt wurden. Und fast flehentlich fügte er hinzu: "Außerhalb der Europäischen Union und des Euro wäre die Zukunft Portugals katastrophal."

Sieht man sich die Umfragen an, scheinen auch viele andere Portugiesen erschrocken, wohin ihre Stimmenabgabe bei der Parlamentswahl am 4. Oktober das Land nun führen könnte. Nur 26,6 Prozent favorisieren demnach einen Zusammenschluss von Sozialisten, Linksblock und Kommunisten. Doch in wenigen Tagen könnte ein Bündnis aus genau diesen drei Parteien die Regierungsmacht in Lissabon übernehmen.

Bei der Wahl Anfang Oktober hatte zwar die seit 2011 regierende konservative Koalition erneut die meisten Stimmen erhalten. Eine kluge Entscheidung, lobte Brüssel. Das 2011 mit einem Kredit in Höhe von 78 Milliarden Euro vor der Pleite gerettete Land habe für eine Fortsetzung der Reformen gestimmt, hieß es noch in der Wahlnacht – vorschnell. Denn mit nur 38 Prozent verfehlte die Koalition klar die erforderliche Mehrheit, um die Regierung und damit den Sparkurs nahtlos fortführen zu können.

Das Wahlergebnis war eben doch ein Denkzettel für vier Jahre harter Sparpolitik nach den Vorgaben der Geldgeber von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF). Der Spitzenkandidat der Sozialisten, António Costa, witterte sofort die Chance, mit einem riskanten, aber rechnerisch möglichen Linksbündnis selbst die Macht zu übernehmen, um einen anderen politischen Kurs einzuschlagen. Verhandlungen über eine Große Koalition ließ er platzen.

Staatschef Cavaco Silva beauftragte zwar dennoch den bisherigen Ministerpräsidenten Pedro Passos Coelho mit der Regierungsbildung – um das von ihm beschworene Chaos zu verhindern, und weil in der jungen portugiesischen Demokratie bisher stets die stärkste Partei den Regierungschef stellte. Doch wenn Passos Coelho Anfang kommender Woche sein Regierungsprogramm für die nächsten vier Jahre im Parlament vorstellt, wollen die Abgeordneten von Sozialisten, Linksblock und Kommunisten ihn und sein Kabinett mit einem Misstrauensvotum stürzen.

Sorge in Brüssel

Was Portugal dann bevor steht, will man in der EU-Kommission derzeit inoffiziell kommentieren. "Wir sind mit riesengroßer politischer Unsicherheit konfrontiert", heißt es in Brüssel. Schon seit Mitte Oktober wartet man dort auf die obligatorische Vorlage des Haushalts für 2016. Wird eine Regierung unter Führung der Sozialisten den Reformkurs aufkündigen, obwohl sie im Wahlkampf eigentlich noch das Gegenteil angekündigt hatte? Oder wird sie sich bald mit den Unterstützern von Linksblock und Kommunisten überwerfen? Stünde das Land dann ohne handlungsfähige Regierung da? Gut möglich, dass bis in den Sommer hinein politischer Stillstand herrscht. Denn erst dann wären Neuwahlen möglich.

"Ein Rückfall ist nicht ausgeschlossen", sagt der Ökonom João César das Neves mit Blick auf die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme Portugals. 2011 sei nur der Kollaps verhindert worden. "Die Krankheit ist nach wie vor vorhanden", warnt er.