Wie lässt sich unsere Arbeits- und Berufswelt im digitalen Zeitalter gestalten? Wie lassen sich ökologisches und ökonomisches Handeln miteinander vereinbaren? Und welche ökonomischen Faktoren bedingen Flucht und Migration?

Das sind nur einige Fragen, die den Stellenwert sozioökonomischer Bildung für die allgemeinbildenden Schulen verdeutlichen. Es überrascht daher nicht, dass eine rot-grüne Landesregierung gerade in diesem Feld ein bildungspolitisches Profil entwickeln will. Ihre Stammwähler entstammen sozialen Bewegungen, die sich früh mit verengten Sichtweisen des Ökonomischen auseinandergesetzt haben. Allein die Kritik an der Ausnutzung endlicher Ressourcen, die Armut-Reichtum-Problematik sowie das Engagement für eine demokratische Wirtschaftsgestaltung und eine begrenzte Wirtschaftsmacht erklären, weshalb gerade das Lernfeld Wirtschaft für eine rot-grüne Regierung attraktiv ist.

Die rot-grüne Regierung des Landes Baden-Württemberg hat nun den Bildungsplan zum neu geplanten Schulfach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung als Anhörfassung des Landtags vorgelegt. Es soll ab kommendem Jahr verpflichtend sein. Baden-Württemberg wäre das erste Bundesland, welches das Fach an allen allgemeinbildenden Gymnasien einführt.

Doch alle, die gedacht haben mögen, dass Wirtschaftsfragen in ökologische, soziale, politische und ethische Kontexte eingebunden werden, müssen schwer enttäuscht sein. Herausgekommen ist der Entwurf eines monodisziplinären Unterrichtsfachs, das eine verengte Sichtweise auf das Ökonomische entwirft. Die Wirtschaftswissenschaften werden zur Hauptbezugsquelle eines sozialwissenschaftlichen Lerngegenstandes.

In diesem Fall wird der Homo Oeconomicus zum Leitbild der ökonomischen Bildung. Dabei wird beansprucht, mit Modellierungen der ökonomischen Verhaltenslehre die soziale Welt zu erklären. Dies soll quasi eine Alternative zu den diskursiven Formen sein, in denen sich die Unterrichtsfächer der politischen Bildung bislang mit ökonomischen Phänomenen auseinandergesetzt haben.

Dabei haben die vergangenen Jahre doch gezeigt, wie die Omnipotenz wirtschaftswissenschaftlicher Erklärungsmodelle an ihre Grenzen stößt – und damit auch der "neoliberale Zeitgeist" im Bildungswesen. Bestes Beispiel ist die globale Finanzkrise seit den Jahren 2007/2008. Die gesellschaftliche Bedingtheit des Ökonomischen wurde offenbar und die Lobbyisten eines monodisziplinären Unterrichtsfaches verloren an Argumentationskraft. Die Idee, dass sich der Wirtschaftsunterricht stärker an den Prinzipien der Effizienz und Nutzenmaximierung als an Kontroverse und Mündigkeit zu orientieren habe, schien widerlegt.

Doch ausgerechnet jetzt erfahren diese traditionell neoliberalen Prinzipien im rot-grünen Baden-Württemberg eine Renaissance. Das irritiert. Wesentliche Bildungsverbände des Landes kritisieren, dass sie an der Diskussion und Entwicklung des neuen Unterrichtsfaches nicht beteiligt wurden. Das Ministerium habe Interessenvertreter privater Stiftungen als Bildungsberater privilegiert.

Kürzlich hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber (BDA) beim Bundesminister des Inneren sogar ein vorläufiges Vertriebsverbot des Materialbandes Ökonomie und Gesellschaft der Bundeszentrale für politische Bildung erwirkt. Einem Hauptgeschäftsführer der BDA erschienen einige Passagen der Publikation zu wirtschaftskritisch – insbesondere jene, in denen Lobbyismus zum Gegenstand des Wirtschaftsunterrichts gemacht wurde. Dieses Problem wird er bei dem in Stuttgart geplanten Unterrichtsfach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung kaum haben: Denn kontroverse Sichtweisen auf Wirtschaft sind nicht vorgesehen.

Die Schule und insbesondere die politische Bildung dürfen nicht zur Arena von Lobbyisten werden. Dafür ist ein bildungspolitischer Konsens notwendig, dass Schülerinnen und Schülern keine Meinungen, Ideologien oder einseitige Sichtweisen anerzogen werden. Das gilt auch für die Sichtweisen auf die Wirtschaft. Lernende müssen die verschiedenen gesellschaftlichen Positionen und wissenschaftlichen Perspektiven kennenlernen und so ihre Urteilskraft schulen. Die Wirtschaftswissenschaften stellen nur eine von mehreren Bezugsdisziplinen ökonomischer Allgemeinbildung dar. In der Demokratie müssen wirtschaftliche Themen zugleich der sozialwissenschaftlichen Reflexion und der politischen Urteilsbildung unterliegen. Das kann aber nur gewährleistet werden, wenn das ökonomische Lernfeld weiterhin den Prinzipien einer sozialwissenschaftlichen Demokratiebildung unterliegt.

Wird das Wirtschaftssystem – wie ein Naturphänomen – nur nachvollzogen und nicht mehr im gesellschaftlichen Kontext unterrichtet, steht der demokratische Bildungsauftrag allgemeinbildender Schulen infrage. Der Wert, Schülerinnen und Schüler zu kritischem, reflektierendem Denken zu befähigen, muss auch für den Wirtschaftsunterricht gelten.