Der 21. September 2015 war für Volkswagen-Aktionäre ein schwarzer Montag. Am Wochenende hatte der Automobilkonzern gerade zugegeben, die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen in den USA manipuliert zu haben. Zum Börsenstart am Morgen brach der Kurs des Unternehmens ein: Er fiel um mehr als 20 Prozent. Aktionäre verloren pro Anteilsschein etwa 35 Euro, allein an diesem einen Tag.

Doch dann geschah etwas Erstaunliches. Der Kurs stabilisierte sich recht schnell, sackte noch einmal ab auf den bisherigen Jahrestiefstwert von etwa 86 Euro und schwankt seither um die 100-Euro-Marke. Im September war die VW-Aktie der meist gehandelte Dax-Wert an der Frankfurter Börse – mit einem Gesamtumsatz von 10,6 Milliarden Euro. Das verwundert kaum, da viele Anleger, vor allem die großen und institutionellen, die Aktie abstießen. Doch auch im Oktober blieb das Handelsvolumen hoch.

"Kaufe, wenn das Blut in den Straßen fließt", soll der legendäre Baron Rothschild, Bankier der gleichnamigen Finanzdynastie, einmal gesagt haben. Er meinte damit, dass ein Investment sich vor allem dann lohnen kann, wenn eine Krise herrscht und die Aktie unterbewertet sein könnte. An die alte Börsenweisheit scheinen sich gerade insbesondere Privat- und Kleininvestoren zu erinnern.

Im Oktober erzielte die VW-Aktie auf einem Portal der Deutschen Börse für Privatanleger den höchsten Umsatz unter den deutschen Dax-Werten – zu einer Zeit, als sich die Panik um den Börsentitel gelegt hatte. Wer VW-Aktien dringend loswerden wollte, hat dies meist schon im September erledigt. Auch auf der Social-Trading-Plattform Wikifolio war die VW-Aktie im Oktober noch meist gehandelt und wurde sogar stärker gekauft als verkauft. "Viele unserer Nutzer haben die Marktreaktion als übertrieben wahrgenommen", sagt Wikifolio-Sprecher Michael Bürker. "Sie sehen dagegen eine Chance in der VW-Aktie."

Neigen deutsche Privatinvestoren jetzt zu besonders hohem Risiko? Uwe Treckmann, Anlagestratege bei der Commerzbank, sieht es so: "Angesichts der bisher bekannt gewordenen Fakten hält sich die VW-Aktie noch gut." Historisch gesehen sei "ein Rückschlag häufig auch eine Gelegenheit". Die Aktie profitiere gerade unter Privatinvestoren davon, dass jeder die Marke kenne und sich zumindest ein grobes Bild von dem Unternehmen machen könne, sagt Treckmann. Auch wenn kaum jemand die Abgasmanipulation gutheißen dürfte, erwarteten nur wenige Anleger, dass Verbraucher wegen des Skandals ihr Kaufverhalten fundamental ändern.

VW-Fahrer haben nämlich bisher keinen körperlichen Schaden durch die Manipulation erlitten: Treckmann erinnert in diesem Zusammenhang an den Zündschloss-Skandal des US-Autoherstellers General Motors, der für Verbraucher viel gravierendere Folgen hatte. Wegen des Defekts sollen mindestens 100 Menschen gestorben sein, behaupten zumindest US-Verbraucherschutzorganisationen. Dem Konzern hat dies trotzdem nicht dauerhaft geschadet. Der Aktienkurs sackte zwischenzeitlich ab, erholte sich aber recht schnell. Zumal der Konzern nur eine vergleichsweise geringe Strafe von 900 Millionen US-Dollar zahlen musste.