Glaubt man dem Betreiber, ist alles ganz ungefährlich. "Tihange 2 läuft sicher und braucht keine Reparaturen irgendwelcher Art. Warum auch?", antwortet die Pressestelle des belgischen Stromversorgers Electrabel auf Anfrage. So habe es die Aufsichtsbehörde AFCN entschieden, und die sei nun einmal maßgeblich für die Frage, ob ein Kernkraftwerk wieder ans Netz dürfe.

Seit Montagabend ist der umstrittene Reaktor wieder am Netz. Für die Nacht von Samstag auf Sonntag plant das Unternehmen, einen weiteren Reaktor gleicher Bauart wieder hochzufahren, Doel 3, in der Nähe von Antwerpen. Kommende Woche sollen Doel 1 und 2 folgen.

Tihange 2 und Doel 3 sind seit Jahren umstritten. Im Jahr 2012 nahm Electrabel sie vom Netz, weil in den Reaktordruckbehältern feinste Materialfehler entdeckt worden waren. Von mehreren Tausend Haarrissen war die Rede. Später hieß es, es handle sich um innen liegende Mikroblasen, Wasserstoff-Flocken-Risse im Fachjargon. Nach einer Ultraschall-Untersuchung fuhren beide Reaktoren wieder an, dann gab es neue Ungereimtheiten. Im März 2014 schaltete Electrabel Tihange 2 und Doel 3 erneut ab. Bis jetzt.

Im nahen Nordrhein-Westfalen stößt die Entscheidung, die Reaktoren wieder ans Netz zu lassen, auf großes Unverständnis. Tihange liegt in Grenznähe, Aachen ist nur etwa 70 Kilometer entfernt. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hatte sich bereits im Vorfeld gegen das Wiederanfahren von Tihange 2 gewandt. NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin von der SPD nannte die Entscheidung unverantwortlich. Sein Umweltminister, der Grüne Johannes Remmel, sagte, die belgische Regierung spiele "russisches Roulette". Seit Jahren nähmen die Probleme in Tihange zu; zeitweise sei sogar radioaktives Wasser an einem Abklingbecken ausgetreten.

Anderthalb Jahre wurde der Reaktor untersucht

Die Stadt Aachen rüstet sich derweil für den Ernstfall. Der Reaktor könnte zu bröckelig sein für einen störungsfreien Betrieb, fürchtet die Stadtverwaltung. Oberbürgermeister Marcel Philipp fordert vom Land, vorsorglich Jodtabletten an Kindergärten, Schulen und Altenheime verteilen zu lassen. Und um im Katastrophenfall besser reagieren zu können, stimmen sich die Stadtoberen schon jetzt mit den Kreis- und Landesbehörden ab. Köln und Düsseldorf, sagt Philipp, seien schließlich genauso in Gefahr wie Aachen, bloß sei das bei den Menschen dort noch nicht angekommen. Electrabel sagt dazu nur: "Wir verstehen die Beunruhigung der Leute. Aber es gibt keine Gründe, sich Sorgen zu machen."

Ein "multidisziplinäres Team aus Dutzenden internen und externen Experten, in Belgien und im Ausland" habe anderthalb Jahre die betroffenen Reaktoren akribisch untersucht. Nach "Inspektionen, zigtausend Stunden investigativer Arbeit und mehr als 1.500 Materialtests" sei man zum Ergebnis gekommen, dass es sich bei den Fehlern um Wasserstoff-Flocken handle, die aufgrund ihrer Lage in den Druckbehältern kaum unter mechanischer Belastung stünden und schon immer da gewesen seien. Mit anderen Worten: kein Risiko. "Die strukturelle Integrität des Reaktordruckbehälters bleibt in jedem Fall garantiert, sei es im Normalbetrieb oder bei einem Unfall," erklärt Electrabel.

Auch die belgische Atomaufsicht erklärte Mitte November, die Sicherheitsbedenken seien "auf zufriedenstellende Weise" ausgeräumt worden. Nach einer detaillierten Bewertung sei man zu dem Schluss gekommen, dass die Prüfungsberichte von Electrabel "eine adäquate Demonstration der strukturellen Integrität der Reaktordruckbehälter von Doel 3 und Tihange 2 belegen". Die Rückkehr ans Netz sei deshalb kein Problem.

Doch Simone Mohr überzeugen die Untersuchungen nicht. Sie ist Expertin für Anlagensicherheit beim Öko-Institut in Darmstadt. "Die Sorge der Menschen im deutschen Grenzgebiet zu Belgien ist schon berechtigt", sagt sie. "Immerhin treten diese Materialfehler in den Reaktordruckbehältern auf." Die müssten einen ständigen Druck von 155 bar aushalten und Temperaturen zwischen 280 und rund 320 Grad Celsius. Für die Frage, wie sicher ein Kernkraftwerk sei, "ist der Reaktordruckbehälter die relevanteste Stelle", sagt Mohr.

Selbst das Bundesumweltministerium mischt sich ein

Tihange 2 und Doel 3 sind seit dem Beginn der achtziger Jahre am Netz. "Sie sind nicht mehr die jüngsten", sagt Mohr. "Je länger aber das Metall der Druckbehälter der Strahlung ausgesetzt ist, desto spröder wird es. Es hält Belastungen nicht mehr so gut aus." Müsse etwa aufgrund eines Störfalls die Notkühlung angeworfen werden und sänke die Temperatur dann schlagartig um eine hohe Differenz, sei nicht auszuschließen, dass die Risse im Reaktor sich vergrößerten. "Die Integrität des Druckbehälters ist dann möglicherweise nicht mehr zu gewährleisten."

Mohr glaubt nicht, dass die von Electrabel vorgenommenen Ultraschallprüfungen ausreichen. Tihange und Doel seien 2012 und 2014 untersucht worden, mit unterschiedlichen Ergebnissen. "Man hat das Verfahren weiterentwickelt und 2014 mehr Risse gefunden – das aber einfach als Folge der verfeinerten Methode gewertet. Dabei ist das überhaupt nicht ausreichend belegt." 

Das Grundsatzproblem der Untersuchungen: "Man kann nicht in die Wand des Reaktordruckbehälters hineinsehen", sagt Mohr. "Dazu müsste man ihn zerstören, aber das ist nicht möglich." Die Untersuchungskommission habe lediglich die Ultraschallbefunde mit Schadensbildern aus anderen Materialproben verglichen. "So aber wird man nie mit hundertprozentiger Sicherheit sagen können, wie es im Reaktor aussieht." Electrabel dagegen erklärt, alle Analysen seien unter "höchst vorsichtigen Annahmen" ausgeführt worden, um möglichst alle Risiken auszuschließen. 

Ohne Kernkraft: Stromausfall

Belgien ist auf Kernkraft angewiesen. In Doel und Tihange stehen insgesamt sieben Reaktoren. Vier davon sind im Moment – noch vor der Rückkehr ans Netz von Doel 3 – in Betrieb; und sie alleine liefern bis zu 40 Prozent des Strombedarfs. Wenn alle sieben Blöcke laufen, dürften es mehr als 50 Prozent sein.

Zwar baut auch Belgien seine Windkraft aus. Doch noch ist die Kernenergie so wichtig, dass die Laufzeit mehrerer Reaktoren kürzlich verlängert wurde. Den Bedarf stattdessen einfach im Ausland zu decken, ist keine Alternative, denn noch funktionieren die Grenzübergänge im europäischen Stromnetz technisch nicht. Und so besteht gerade im Winter, wenn Wind und Sonne wenig Strom liefern, aber der Energiebedarf hoch ist, ohne Tihange 2 und Doel 3 die Gefahr von Stromausfällen.

In Aachen haben sie dennoch wenig Vertrauen in die alten Reaktoren. Auf Fragen bekomme man von Electrabel immer nur drei Antworten, sagt Oberbürgermeister Philipp: "Wir stellen Strom her. Unsere Reaktoren sind sicher. Lassen Sie uns in Ruhe." Er könne auf die Bedenken der Bürger nicht eingehen, weil er selbst sich schlecht informiert fühle. Aber Electrabel gebe keine Möglichkeit zum Austausch. "Es gibt keine Transparenz." Electrabel bestreitet das.

Inzwischen hat sich selbst das Bundesumweltministerium in Berlin des Falles angenommen. Man nehme die Entscheidung der belgischen Behörden, Tihange 2 und Doel 3 wieder ans Netz zu lassen, "zur Kenntnis", sagt eine Sprecherin, und habe sich "auf verschiedenen Ebenen seit Bekanntwerden der Befunde an die belgischen Behörden gewandt". Derzeit lasse das Ministerium die Prüfungsunterlagen fachlich auswerten.

Im Januar 2016 werde die belgische Aufsicht den Fall auf einem internationalen Arbeitstreffen erläutern, erklärt die Sprecherin weiter. "Das Bundesumweltministerium wird sich in die Erörterung aktiv einbringen. Es erfüllt damit auch seinen Schutzauftrag für die Sicherheit der Bevölkerung." Der Aachener Oberbürgermeister wird es vermutlich gerne hören.