Greenpeace-Protest im australischen Port Kembla gegen einen Atommüll-Transport ©SAEED KHAN/AFP/Getty Images

"Don't waste Australia", also "Vermüllt nicht Australien" – das stand auf einem Schlauchboot, mit dem Greenpeace-Aktivisten im australischen Hafen Port Kembla einem Atommüll-Frachter entgegengefahren sind. Die Umweltschützer protestierten dagegen, dass 25 Tonnen nuklearer Abfall von Frankreich um die halbe Welt herum auf den fünften Kontinent verschifft wurden. Doch es geht Greenpeace nicht nur um diesen einen Transport. Die Organisation befürchtet, dies könne der Beginn einer Entwicklung sein: Wird Australien künftig in der ganzen Welt abgebrannte hochradioaktive Brennstäbe einsammeln und mit deren Entsorgung ein Milliardengeschäft machen?

Der Atommüll-Transporter mit dem Namen BBC Shanghai ist inzwischen in Port Kembla nahe Sydney angekommen, die Castoren sollen nun im Forschungsreaktor Lucas Heights zwischengelagert werden. Ein Endlager besitzt Australien noch nicht, das Land plant aber, eines zu bauen. Dafür sind derzeit sechs Standorte in der Diskussion.

Australien selbst hat kein besonders großes Atommüll-Problem, denn das Land ist nie in die kommerzielle Nuklearwirtschaft eingestiegen. Der Forschungsreaktor in Lucas Hights ist der einzige derzeit in Australien betriebene Reaktor. Von seinem Vorgänger am selben Ort stammt indirekt der nun in Port Kembla angekommene nukleare Abfall: In den 1990er Jahren hatte Australien abgebrannte Brennstäbe nach Frankreich zur Wiederaufbereitung verschifft. Bei der Wiederaufbereitung bleibt immer radioaktiver Müll übrig, dieser wurde nun zurück nach Australien gebracht.

Greenpeace kritisierte, dass die BBC Shanghai nicht sicher sei. "Das ist nicht die Art Schiff, mit dem nuklearer Abfall transportiert werden sollte", sagte die Aktivistin Emma Gibson dem Guardian. Das Schiff sei in den letzten fünf Jahren bei mehreren Sicherheitsprüfungen in Australien, den USA und Spanien durchgefallen. Zudem handele es sich – anders als die australische Regierung behauptet – laut der Umweltorganisation nicht um mittelradioaktiven, sondern um hochradioaktiven Abfall. 

Milliardengeschäft mit alten Brennstäben

Wenn es nur um australische Atomabfälle ginge, dann wäre das Problem mit wenigen weiteren Seetransporten beendet. Australien erwartet in diesem Jahrzehnt lediglich noch die Rückkehr von Atommüll aus der britischen Wiederaufbereitung. Dennoch könnten in australischen Häfen bald sehr viele Frachter mit Kernbrennstäben aus aller Welt einlaufen – zumindest wenn es nach dem Plan der erstarkenden australischen Atomlobby geht. Die Idee ist, all den Ländern zu helfen, die nicht wissen wohin mit ihrem Atommüll. Und das sind beinahe alle Länder, die Atomkraft nutzen, schließlich gibt es weltweit noch immer kein Endlager für hochradioaktive Abfälle.

Die Entsorgung von Brennstäben ist ein Milliardengeschäft. Der australische Umweltwissenschaftler und Atomkraft-Befürworter Barry W. Brook schätzt, wie dieWirtschaftswoche berichtet, dass weltweit damit 70 Milliarden Euro eingenommen werden könnten. Das Versprechen der australischen Atomlobby klingt märchenhaft: Gleichzeitig mit der Brennstabentsorgung solle auch das Energieproblem des Landes gelöst werden. Knapp 75 Prozent des australischen Stroms stammen derzeit aus der Kohleverbrennung. Der Anteil soll drastisch reduziert werden, um die Produktion des Treibhausgases CO2 zu begrenzen. Doch anders als in Deutschland setzt Australien bei der Energiewende nicht nur auf regenerative Techniken wie Windräder und Solarzellen, sondern auch auf Atomkraft.

Australien erwägt Bau von schnellem Brüter

Dafür erwägt Australien, neben herkömmlichen Atomkraftwerken auch einen sogenannten schnellen Brüter zu bauen. Abgebrannte Brennstäbe enthalten noch einen Großteil ihrer Energie, diese kann in Brutreaktoren zur Stromerzeugung genutzt werden. Gleichzeitig entsteht dabei mit Plutonium neuer nuklearer Brennstoff. Das klingt also nach einer einfachen Methode, um Geld zu verdienen und damit die australische Staatsverschuldung abzubauen. Man kassiert gleich dreifach: einmal durch die Abnahme von abgebrannten Brennstäben, dann durch den Verkauf von Strom und schließlich durch die Plutonium-Produktion. Auch in Deutschland sollte in den 1980er Jahren in Kalkar ein schneller Brüter gebaut werden. Das scheiterte am massiven Protest der Anti-AKW-Bewegung. 

Australiens Atomkraft-Befürworter argumentieren, beim geplanten Reaktor sei bauartbedingt eine unkontrollierte Kernschmelze nicht möglich. Atomgegner halten dagegen: Die Technik sei noch nicht erprobt, zudem falle auch bei Brütern radioaktiver Abfall an, der letztendlich entsorgt werden müsse. Auch bedeute der Plan, dass große Mengen an hochradioaktivem Müll über die Weltmeere verschifft werden müssten. Das erhöhe das Risiko für Unglücke mit Atommüllfrachtern.

Besonders Jay Weatherill, Premierminister des Bundesstaats Südaustralien, setzt sich für den Einstieg in die weltweite Atommüll-Wirtschaft ein. Er beauftragte eine Kommission, um die Umsetzbarkeit zu prüfen. Auch Australiens Ex-Premier Tony Abbott steht hinter dem Vorhaben. Der neue Premier Malcolm Turnbull* lehnt auch einen möglichen Einstieg Australiens in die Atomkraft nicht grundsätzlich ab. Man müsse frühzeitig die Möglichkeiten prüfen. Noch produziere das Land aber einen Überschuss an Energie.

Klar ist allerdings, dass die Bevölkerung dagegen ist: 72 Prozent der Australier wollen laut einer Greenpeace-Umfrage keinen Import von Atommüll.

*Korrekturhinweis: In einer früheren Version fehlte dieser Hinweis. Inzwischen ist Malcolm Turnbull Premierminister Australiens.