Teilnehmer der Pegida-Kundgebung am Königsufer in Dresden © Sebastian Kahnert/DPA

Vor dem Weihnachtsmarkt in der Dresdner Altstadt stehen Wasserwerfer. Die hat man hier schon oft gesehen, so richtig erschreckt die martialische Flotte niemanden mehr. Wieder einmal rüstet sich die Stadt für den Katastrophenfall, noch gibt es keinen Weihnachtsfrieden. Pegida hat zu ihrer letzten Kundgebung geladen, mit einem "Großen Weihnachtsliedersingen" will die antiislamische Bewegung ihr Jahr beschließen.

Für die Polizei in Dresden ist es der letzte Kampftag des Jahres, denn auch die Gegenseite hat mobilisiert. Ein halbes Dutzend Kundgebungen sind angemeldet, verteilt auf das halbe Zentrum. Durch die Stadt ziehen und demonstrieren darf keine der Seiten an diesem Abend. Aus Angst vor Chaos. Aus Angst vor Szenen wie vor einer Woche in Leipzig. Dort trafen rund 1.000 Linke und eine kleine Gruppe Rechter aufeinander. Die Linken reagierten sich schließlich vor allem an der Polizei ab. In Dresden will man heute keine ähnlichen Bilder sehen.

Pegida hat sich in den vergangenen Wochen an einen Versammlungsort gewöhnt: den Theaterplatz vor der Semperoper, ein attraktives Pflaster. Das ist an diesem Montag allerdings schon von der anderen Seite belegt: Das Bündnis Herz statt Hetze, unterstützt von Oper und Schauspielhaus, hat geladen. 4.000 Menschen singen zusammen die Ode an die Freude. An diesem Abend senden sie von diesem Ort ein Kontrastprogramm.

Bis zur letzten Minute hatten die Pegidisten versucht, sich wenigstens eine Demonstration durch Dresdens alternatives Neustadt-Viertel zu erstreiten. Vergebens, ein Gerichtsurteil verwies sie an das Königsufer, ebenfalls eine pittoreske Kulisse. Im Sommer trifft man sich hier zum Open-Air-Kino mit bester Aussicht auf Dresdens architektonische Sandsteinschätze. Die Elbwiesen füllen sich schnell mit den üblichen Stammgästen. Die besorgten Rentner sind gekommen, die Familien aus der Lausitz und dem Erzgebirge, die groben Jungs mit Quarzhandschuhen. Insgesamt 8.000 Menschen sind es laut dem Studentenbündnis Durchgezählt. Pegida-Frontmann Lutz Bachmann zählt doppelt so viele. "Ich begrüße euch rechts herzlich, äh, ich meine recht herzlich", begrüßt er seine Anhänger.

Bei der Pegida-Weihnachtsfeier ist vieles wie immer, und doch sind die Kontraste heute schärfer. Das sekundenschnelle Wechselspiel zwischen seligem Gemeinschaftsgefühl und eisigen Parolen. Es wird gesungen. Wer der Text nicht kennt, bekommt den Liederzettel "Weihnachten mit Pegida" gereicht. Für viele ist das Bündnis zur Familie geworden. Man liegt sich schunkelnd in den Armen, singt Leise rieselt der Schnee, Taschenlampen blinken. Doch kaum ist die letzte Strophe beendet, da bellt die Menge: "Widerstand, Widerstand!" Und immer wieder: "Merkels muss weg!" und "Volksverräter!"

Neues gibt es von Pegida nicht zu hören

Zwei Stunden dauert diese Schizophrenie aus Christfest-Seligkeit und Hetzreden. Zwischendurch gibt eine Geschichtsstunde von Pegida-Vorstand Siegfried Däbritz: "Fidel Castro hat seine Gefängnisse und Irrenhäuser ausgeleert, als die USA bereit war, Flüchtlinge aufzunehmen. Er sagte dazu, er habe die Klospülung in Richtung USA betätigt. Blöderweise führt dieses Rohr jetzt zu uns. Aus solchen Ereignissen hätte man lernen können. Aber nein, der totalen Willkommenskultur wird unsere Sicherheit geopfert." Und schon öffnet sich wieder das Fenster zur Besinnlichkeit, die Menge intoniert Es ist ein Ros entsprungen.

Für die Bewegung wäre dieser Termin auch die Gelegenheit für einen Ausblick für 2016. Aber Neues gibt es von Pegida nicht zu hören. Etwa von der Partei, die sie eigentlich gründen wollten. Oder Ergebnisse von all den Aktionen, die sie im Laufe des Jahres angezettelt haben: GEZ abschaffen, Zeitungen durch Abo-Boykotte zerstören, Pegida-Ableger in ganz Deutschland gründen. Wenn es um die Fortschritte der eigenen Sache geht, sind die Anhänger nachlässig. Stattdessen arbeitet man sich an den ewig gleichen Feindbildern ab. Und zitiert, sofern es in die eigene Beweisführung passt, wieder häufiger die "Lügenpresse". Auch die Demo-Ticker der lokalen Tageszeitungen haben Bachmann und seine Brigade im Blick. Zum Abschied weisen sie die Teilnehmer darauf hin, dass in der Dresdner Neustadt gerade zwei Autos brennen. Für den Fall, dass jemand nachschauen will.  

Der Krawall ist schnell erstickt

Auf eine Eskalation warten an diesem Abend viele. Doch eine Chance, sich abzureagieren, bekommt niemand. Nicht die Nazis und Hooligans im Pegida-Block, auch nicht die Linken, die den Versammlungsort eingekreist haben. Die Polizei ist an diesem Abend der Boss. Alle Geschütze sind aufgefahren und fast 2.600 Beamte aus dem ganzen Land nach Dresden kommandiert. Auf den Elbwiesen patrouilliert eine Reiterstaffel, in den Straßen wachen kläffende Schäferhunde.

Die Strategie der Beamten funktioniert. Die Lager bleiben strikt getrennt, kaum eine Lücke entsteht. Und wenn doch, ist es ein ungleiches Kräftemessen. Knapp 100 Linke toben, als an ihnen fünf Nazis vorbeigeführt werden. Aber auch dieser Krawall ist schnell erstickt. In der Neustadt kommt es noch zu Konfrontationen zwischen einzelnen Rechten und Linken. Es fliegen ein paar Flaschen und Böller. Die beiden brennenden Autos sind bald gelöscht.

Die letzte Meldung des Abends verkündet: Irgendwo in der Neustadt fliegt ein Ei auf einen Polizisten. Dresden darf endlich in die Winterpause. Nur kurz, die ersten Demotermine für Januar stehen schon fest.

In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels war der zweite Absatz anders gefasst. Die beschriebene Auseinandersetzung zwischen Linken und Rechten in Leipzig haben wir präzisiert.