Wissenschaft lebt vom Streit, normalerweise. Es ist deshalb bemerkenswert, wenn sich drei Wissenschaftsakademien einvernehmlich zu einem der größten industriepolitischen Projekte äußern. Vor allem, wenn sie obendrein zu dem Ergebnis kommen, dass es für dieses Vorhaben mehr als nur eine Blaupause gibt, dass also ein bestimmter Weg keineswegs alternativlos ist, wie Politiker gern glauben machen. Ist es eben nicht, so der Tenor einer aktuellen Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften: Die Energiewende kann ganz unterschiedliche Formen annehmen, jedenfalls in puncto Stromversorgung. Sie würde sogar laut der Drei-Akademien-Expertise, an der mehr als 100 Experten aus allen Bereichen von Wissenschaft und Wirtschaft mitgewirkt haben, auch ohne den Transport großer Strommengen von Nord nach Süd durch umstrittene Hochspannungskabel funktionieren: dezentral – selbst ohne Offshore Windparks.

Die Botschaft kommt zu einem Zeitpunkt, da die Auseinandersetzung um die Energiewendepolitik wieder härter wird. Zwar wird in Paris gerade über eine Abmachung zum weltweiten Klimaschutz verhandelt. Doch die Expertenkommission zum Monitoring der hiesigen Energiewendepolitik hat der Regierung vor Kurzem bescheinigt, dass ihr Klimaschutzziel in immer weitere Ferne rückt. Aus den Reihen der Wind- und Solarenergiebranche werden derweil Stimmen laut, die vor dem Ausbremsen der Energiewende warnen und davor, Bürgerenergieprojekte durch Ausschreibungsverfahren unattraktiv zu machen.

Unbezahlbar oder technisch unmöglich – wer in Zukunft noch solche Bedenken gegen die Energiewende vorbringt handelt sich jedenfalls den Ruf eines unverbesserlichen Ignoranten ein. Die Stromversorgung der Zukunft lässt sich ohne jeden Treibhausgasausstoß organisieren. Die Studie legt sogar nahe, dieses Ziel anzupeilen – und nicht nur, wie von der Regierung bisher geplant, eine Emissionsminderung um "mindestens 80 Prozent". Begründung: Der Stromsektor lässt sich besonders einfach dekarbonisieren, anders als nach heutigem Wissen der Wärme- und der Verkehrssektor.

"Es gibt keinen Grund, Angst vor der Energiewende zu haben", sagt Dirk Uwe Sauer, Professor für Energiewandlung und -speicherung an der RWTH Aachen, einer der drei Leiter der Studie. Tatsächlich halten sich danach die Zusatzkosten einer vollkommen CO2-freien Stromversorgung in Grenzen, die Erzeugung einer Kilowattstunde Strom wäre um das Jahr 2050 sogar billiger als nach dem Abschalten des letzten Atommeilers in rund zehn Jahren – vorausgesetzt, die Elektrizität wird überwiegend mithilfe von immer billiger werdenden Wind- und Fotovoltaikanlagen erzeugt. Die Berechnungsmethoden und die verwendeten Eingangsdaten zu allen Technologien werden in der Studie offengelegt.

Selbst wenn Wind- und Solaranlagen deutlich mehr Strom erzeugen können als gebraucht wird, könne dies eine "interessante Option" darstellen, heißt es in der Studie. Der Grund: Der Überschussstrom ließe sich in speicherbaren Wasserstoff umwandeln, der bei Bedarf wieder in Strom zurückverwandelt werden kann. Dann, wenn die grünen Kraftwerke mangels Sonne und Wind längere Zeit nichts liefern. Ohne regenerativ gewonnenen Wasserstoff müsste in Zeiten solcher "Dunkelflauten" Strom aus Biogas erzeugt und der dafür notwendige Rohstoff im großen Stil durch den Anbau von Energiepflanzen gewonnen werden. Das ist unter anderem wegen der Umweltrisiken schon heute hochumstritten. Zudem buhlen auch die chemische Industrie, der Mobilitäts- und der Wärmesektor um die begrenzte Ressource Biomasse.

Stromversorgung kann stark dezentral erfolgen

Neben den langen Dunkelflauten müssen aber auch kurzfristige Schwankungen des Stromverbrauchs sowie der Solar- und Windstromerzeugung ausgeglichen werden. Laut der Studie kann dafür vor allem ein flexibles Management von Stromverbrauchern und Energiespeichern in Haushalten und Industrie beitragen: die gemeinschaftliche Nutzung von Batteriespeichern in Häusern mit Fotovoltaikanlagen, intelligentes Lademanagement von Elektrofahrzeugen und die Nutzung der Wärmespeicher von Heizungs- und Warmwasseranlagen.

Biogas oder Wasserstoff – trotz Solar- und Windenergienutzung werden auch in Zukunft noch Feuer und Dampf gebraucht, um die Stromversorgung 365 Tage rund um die Uhr zu sichern. Fragt sich nur welche konventionelle Technik zum Einsatz kommt. Selbst die Braunkohle könnte noch eine Zukunft haben, würde das bei der Verbrennung entstehende CO2 abgeschieden und unterirdisch gelagert. Allerdings fehlt in Deutschland die Akzeptanz dafür. Auch Erdgas, das vergleichsweise emissionsarm verbrennt, könnte für die notwendige Flexibilität sorgen; die Importabhängigkeit würde dann allerdings steigen.

Rein technisch würde selbst die Stromerzeugung mittels Nutzung von Erdwärme als Ausgleich für die fluktuierende Wind- und Solarstromerzeugung dienen können; wirtschaftlich wäre das indes nur, wenn die Kosten des Verfahrens drastisch sinken. Jedenfalls gibt es mehr als eine Möglichkeit, Blackouts zu vermeiden. Eine zentrale Rolle werden Turbinen und Kraftwerke spielen, die variabel mit Erdgas, Biogas, Wasserstoff oder Methan betrieben werden können. Ihr Bau könne deshalb schon heute als sinnvoll angesehen werden, müsste allerdings "über geeignete Marktmechanismen sichergestellt werden", heißt es in der Expertise. Warum? Weil ihre Betreiber in den wenigen Stunden des Jahres, in denen die Anlagen gebraucht werden, die Investitionskosten wohl kaum über die Erlöse beim Stromverkauf refinanzieren können.

Für besonderen Gesprächsstoff dürfte sorgen, dass die drei Akademien sich nicht das Mantra zu eigen machen, nur der umstrittene Transport großer Mengen in Norddeutschland und sogar auf hoher See erzeugten Windstroms gen Süden könne die Energiewende zu einem erfolgreichen Projekt werden lassen. Falsch. "Die Stromversorgung kann auch stark dezentral organisiert sein, sofern der Ausbau von Wind und Photovoltaik in allen Teilen Deutschlands erfolgt…", heißt es in ihrer Studie.

Die Kosten pro Kilowattstunde würden zwar dann um gut zehn Prozent steigen. Aber womöglich wäre das ja der Preis für etwas mehr Akzeptanz bei den Bürgern.