Die Einführung des Euro hat dazu geführt, dass sich die Einkommen in den elf Gründungsländern der Gemeinschaftswährung immer stärker auseinanderentwickeln. Zu diesem Ergebnis kommen das Jacques Delors Institut Berlin und die Bertelsmann Stiftung in einer Studie, die ZEIT ONLINE vorliegt. Zwar habe die Einführung des gemeinsamen Binnenmarkts ab dem Jahr 1986 einen großen Wohlstandseffekt gehabt, heißt es in der Studie: Länder mit bis dato niedrigem Pro-Kopf-Einkommen verzeichneten ab dann relativ hohe Wachstumsraten.

Dieser Trend kehrte sich im Jahr 1999 mit der Euro-Einführung aber um. Die Volkswirtschaften in den Südländern erlebten wegen der neuen Währung einen exzessiven Boom, die Nordländer durchlebten dagegen eine wirtschaftliche Schwächephase. Die Konvergenz, also die Angleichung der wirtschaftlichen Verhältnisse, nahm ab. Arbeitsmärkte, Sozialsysteme und die Banken- und Finanzsektoren der Eurostaaten waren und sind der Studie zufolge einfach zu unterschiedlich, um eine gemeinsame Währung ohne flexible Wechselkurse zu stemmen. "Ohne mehr Konvergenz wird der Euro nicht überleben", sagt Studienautor Henrik Enderlein, Direktor des Jacques Delors Instituts an der Hertie School of Governance in Berlin. "Es ist doch eine Illusion, dass nationale Wirtschaftspolitik in einer Währungsunion voll souverän sein kann. Wir brauchen mehr Souveränitätsteilung."

Zwar haben die EU-Länder Kriterien festgelegt, die zu einer Annäherung der Wirtschaften im Euroraum führen sollen, die sogenannten Maastricht-Kriterien. Sie machen den Ländern des Währungsraums einheitliche Zielvorgaben zu Inflationsrate, Schuldenstand und Haushaltsdefizit. In der Praxis jedoch seien diese zu reinen Euro-Beitrittskriterien verkommen, die nach dem Beitritt in der Regel ignoriert würden, kritisieren die Autoren der Studie.  

Diese hat aus zweierlei Sicht politische Sprengkraft. Zum einen zeigt sie deutlich, dass die Versprechen der Politik, mithilfe des Euro für ökonomische Stabilität in ganz Europa zu sorgen, nicht erfüllt wurden. Vor der Einführung der gemeinsamen Währung hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1998 im Bundestag von einem "Jahrhundertereignis" geschwärmt und gesagt, der Euro werde "Europa als Raum wirtschaftlichen Wohlstands und monetärer wie sozialer Stabilität festigen". Doch das ist laut der Studie nicht eingetreten.

Zudem kommt die Studie zu einem brisanten Zeitpunkt, denn ausgerechnet jetzt driftet Europa weiter auseinander. Eine einheitliche Position in der Flüchtlingspolitik ist nicht in Sicht, nationalistische Parteien wie der Front National in Frankreich oder die PiS-Partei in Polen gewinnen an Zustimmung. Die Griechenlandkrise hat Europa zudem vor Augen geführt, wie sehr die Währung die Euroländer miteinander verwoben hat und zu Streit führen kann. 

Währungsunion vollenden

Den Euro in seiner aktuellen Form abschaffen, das wäre die naheliegende Schlussfolgerung. Doch die Autoren fordern genau das Gegenteil: mehr Europa. "Es wäre töricht, wegen der Flüchtlingskrise oder der Sicherheitslage in Europa die Vollendung der Währungsunion auf die lange Bank zu schieben", sagt Enderlein. Die Maastricht-Kriterien sollten durch drei Kernforderungen ersetzt werden, die jeder verstehe: Preise, Wettbewerbsfähigkeiten und Leistungsbilanzen der Eurostaaten müssten sich stärker angleichen.

Die Autoren wissen, dass sie ein heikles Terrain betreten. "Die drei Ziele sind durchaus kontrovers: Preiskonvergenz und Wettbewerbsfähigkeit reiben sich an der Tarifautonomie", sagt Enderlein. Er betont, auf keinen Fall die im Grundgesetz gesicherte Tarifautonomie infrage zu stellen, vielmehr gehe es um gemeinsame Lohnleitlinien in der Eurozone. Beim Thema Leistungsbilanz müsste Deutschland sein Exportmodell hinterfragen.