Ein Mädchen versucht, in der Nähe der südafrikanischen Stadt Durban Wasser zu schöpfen. © Mujahid Safodien/AFP/Getty Imaegs

Um zu erkennen, dass der Klimawandel längst Realität ist und keine ferne, zukünftige Bedrohung, reicht ein kurzer Blick in die Statistik: Ohne Ausnahme liegen die globalen Temperaturen seit den 1980er Jahren stets über dem Durchschnitt der Vorjahre. Ob in Pakistan oder in Mosambik, ob am Jordan oder an der Elbe: in vielen Weltregionen erleben die Menschen Jahrhundertstürme, Jahrhundertdürren, Jahrhundertfluten in immer kürzeren Abständen. Brunnen versiegen, die Saat verweht, der Boden erodiert, die Getreidehalme faulen in stehendem Wasser. Steigende Meeresspiegel rauben Lebensraum, landwirtschaftliche Nutzflächen versalzen und sich ausweitende Wüsten führen zu Wassermangel. 


Wenn die Betroffenen die Folgen als unerträglich empfinden, ist dann Flucht die letzte Möglichkeit? Was die globale Erwärmung für die Migrationsbewegungen in gemäßigtere Klimazonen bedeutet, das ist eine der großen, spekulativen Fragen in der weltweiten Debatte über den Klimawandel und die politischen Antworten darauf.

Das gilt zum einen für juristische Dimension: Ist schlechtes Wetter ein Asylgrund? In Neuseeland wurde das vor wenigen Wochen anhand eines Mannes aus dem Inselstaat Kiribati verhandelt, der als Klimaflüchtling in Neuseeland bleiben wollte. Er wurde zwar aus formalen Gründen abgewiesen; die UN-Konvention kennt als Fluchtgrund nur Verfolgung. Aber dass sein Inselstaat unter der Erderwärmung leide, bestritten die Richter nicht.

In Klimafragen galt bisher stets: Um die politisch Verantwortlichen zum Handeln zu bewegen, insbesondere jene in den bisher weitgehend verschonten Ländern der gemäßigten, wohlhabenden Klimazonen, braucht es drastische Warnungen und Zahlen. So überbietet auch bei der Frage der Klimaflüchtlinge, wie beim Temperaturanstieg oder dem Anstieg des Wasserpegels, eine Prognose die andere. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) rechnet für das Jahr 2050 mit 200 Millionen Menschen, die eine unbewohnbar gewordene Heimat verlassen würden.

Dabei orientiert sie sich an den Vorgaben von Norman Myers. Der Professor an der Oxford Universität gilt als Experte auf dem Gebiet der Klimaflucht. Für seine Schätzung hat er allerdings schlicht alle Menschen zusammengezählt, die in gefährdeten Regionen leben und somit als Klimaflüchtlinge infrage kämen. Selbst sein eigenes Institut an der Oxford-Universität unterstellt den Prognosen Myers "eine fehlende akademische Glaubwürdigkeit".

 Seine 200-Millionen-Zahl bestimmt trotzdem die Debatte. Die deutsche Bundesregierung beruft sich darauf und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen auch.

Im Osten Sambias verschiebt sich die Regenzeit

Es geht sogar noch bedrohlicher: Die britische Hilfsorganisation Christian Aid rechnet sogar mit bis zu einer Milliarde Klimaflüchtlingen in den nächsten 50 Jahren. 

"Diese Zahlenspiele sind Szenarien, die oft wissenschaftliche Sorgfalt missen lassen", sagt Professor Michael Brzoska. Er ist Leiter des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Brzoska bekräftigt zwar, dass die Umweltveränderung bei vielen Migranten ein entscheidender Faktor sei – aber eben nur einer unter vielen. In den meisten Fällen liegen weitere Gründe vor: "Den reinen Klimaflüchtling gibt es heute nur selten." 


Jenseits von zukünftigen Weltuntergangsszenarien untergräbt die Erderwärmung bereits die Ernährungssicherheit, vor allem von Bauern. Dort, wo die Menschen nichts anderes haben als das, was die Natur ihnen bietet, sind Anbauzeiten aus dem Rhythmus geraten. Im Osten Sambias zum Beispiel ist eigentlich im November Zeit für die Aussaat von Getreide und Baumwolle. Doch es kam schon vor, dass die Regenzeit in mehreren Jahren hintereinander erst Anfang Januar begann. Die Pflanzen haben weniger Zeit zu reifen, die Erträge sinken.

Verlassen Kleinbauern wegen dieser wachsenden Ungewissheit schon heute als Klimaflüchtlinge ihre Heimat? Nachweisbar sei so ein Zusammenhang nicht, sagt auch Bettina Engels, Politikwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin, die viel im südlichen Afrika unterwegs ist. Allerdings könne der Klimawandel als Katalysator wirken und die ohnehin bedrohten Lebensgrundlagen der Bauern noch weiter einschränken.