Am Ende ließ Laurent Fabius die Delegierten noch einmal warten. Eine geschlagene Dreiviertelstunde lang hatte sich das Abschlussplenum des Pariser Klimagipfels schon versammelt; die anfänglich gelöste Stimmung wich so langsam der Anspannung. Wo war Fabius? Es hieß, auf den letzten Metern verhandle man hinter den Kulissen noch um juristische Feinheiten und feile an korrekten Übersetzungen. 

Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Fabius kam zurück, und zehn Minuten später war klar: Niemand erhob Einspruch gegen seinen Vertragsentwurf. Unter Jubel ließ der Gipfelpräsident den Hammer fallen. "Er ist nur ein kleiner Hammer. Aber ich glaube, er kann eine große Aufgabe erledigen", sagte er strahlend. 

Das war kurz vor halb sieben am Samstagabend. Danach herrschte große Euphorie in den Hallen von Le Bourget. Sie ist auch berechtigt, denn sechs Jahre nach dem Desaster von Kopenhagen hat die Welt endlich einen neuen Klimavertrag. Mehr als 190 Staaten haben ihn angenommen – und erstmals haben sich Wohlhabende und Arme verpflichtet, ihren Teil zum Klimaschutz beizutragen. Mehr als 180 Länder hatten ihre nationalen Klimaziele schon vor dem Gipfel bei den Vereinten Nationen hinterlegt.    

Damit ist endlich die Spaltung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern überwunden, die jahrelang jeden Gipfel lähmte. Zwar flackerte der Streit auch in Paris noch einmal auf. Aber am Ende war selbst das Schwellenland Indien, das immer noch auf billigen Strom durch Kohle setzt, mit dem neuen Vertrag zufrieden. In Paris sei eine "bahnbrechende Allianz" entstanden, sagte Umweltminister Prakash Javadekar. "Wir haben ein neues Kapitel der Hoffnung geschrieben."    

Vereinte Minister und Diplomaten

China, die Europäer, die USA, die Inselstaaten: Sie alle feierten das Pariser Abkommen. Und spätestens als es der sonst für ihre Störmanöver berüchtigten venezolanischen Delegationsleiterin Claudia Salerno gelang, in einem Atemzug dem Gipfelpräsidenten Laurent Fabius, Papst Franziskus und dem verstorbenen Comandante Hugo Chávez für ihre Verdienste um das Klima zu danken, war klar: Derart vereint wird man die Minister und Diplomaten der Welt so schnell nicht wieder erleben.

Allein das war historisch. Der Vertrag ist es auch. Durch ihn verpflichten sich die Staaten der Welt, die globale Erwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten und ein 1,5-Grad-Ziel anzustreben. Sie geloben, die weltweiten Netto-Treibhausgasemissionen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auf null zu senken. Ihre nationalen Klimaziele wollen sie alle fünf Jahre überprüfen und verbessern – Rückschritte untersagt das Abkommen ausdrücklich.  

Die Industriestaaten versprechen, weiterhin die Vorreiterrolle im Klimaschutz zu übernehmen und die Entwicklungs- und Schwellenländer mit Geld und sauberer Technik zu unterstützen. Wenigstens einmal, zum Jahr 2025, wollen sie die bislang zugesagte Summe an finanziellen Klimahilfen erhöhen. Im Gegenzug akzeptieren die Schwellenländer die gleichen Berichtspflichten wie die Wohlhabenden. Und schließlich erkennen alle Staaten an: Der Klimawandel ruft Zerstörungen hervor, die man nicht durch höhere Deiche oder neue landwirtschaftliche Anbauformen verhindern kann und um diese loss and damages genannten Schäden müssen die Regierungen sich kümmern.

Wohlstand plus Klimaschutz

Das sind die Details des Pariser Abkommens. Viel wichtiger aber ist: Im Text steckt ein entscheidendes Signal für den Umbau der Wirtschaft, weg von Kohle, Öl und Gas, hin zu sauberer Energie – und das nicht nur in den reichen Staaten. Das ist vermutlich das Wichtigste an diesem Gipfel: Der ganze Vertrag transportiert die Idee, dass Wohlstand, Entwicklung und Armutsbekämpfung einerseits und Klimaschutz andererseits sich nicht widersprechen, sondern zusammengehören. Der Gedanke steckt nicht nur in den juristischen Formulierungen des Textes. Er war auch in den Abschlusserklärungen so gut wie aller Delegationen deutlich spürbar. Gerade für die Armen bedeutet das ein großes Versprechen auf eine bessere, umweltfreundlichere Zukunft.

Das ist tatsächlich eine historische Umwälzung. Doch selbstverständlich wird die Transformation nun nicht automatisch vonstatten gehen, nur weil das Pariser Abkommen das so bestimmt. Wer glaubt, dass alleine UN-Klimagipfel die Welt retten könnten, hat den Verhandlungsprozess nicht verstanden. Im neuen Klimavertrag setzen die Regierungen jetzt die völkerrechtlichen Rahmenbedingungen – doch mit Leben füllen müssen das neue Entwicklungsmodell alle: Unternehmen, Investoren, Zivilgesellschaft, die nationale und die lokale Politik.  

Die Wirtschaftswelt hat die Botschaft schon gehört. Fabius' Hammer war kaum gefallen, da begrüßten umweltfreundliche Unternehmerverbände das Pariser Abkommen. Es gibt ihnen langfristige Sicherheit für ihre Investitionen in erneuerbare Energien. Die Umwelt- und Divestment-Aktivisten ihrerseits werden nicht nachlassen, die Mächtigen an ihr Versprechen von Paris zu erinnern, um den Umbau so voranzutreiben. Auch das kündigten sie Samstagnacht schon an.

Und sie werden noch gebraucht, denn der Vertrag hat Schlupflöcher. Trotz des 1,5-Grad-Ziels: Mit den gegenwärtigen nationalen Klimaplänen steuert die Welt noch auf eine Erwärmung von 2,7 Grad zu. Das Null-Emissionsziel schließt umstrittene Technologien wie die unterirdische Kohlenstoffspeicherung (CCS) nicht aus. Und damit die ärmsten und verwundbarsten Länder den Klimawandel wirklich überstehen, durch Anpassung und Entschädigung für unvermeidbare Zerstörungen, brauchen sie deutlich mehr finanzielle und technische Unterstützung als bisher zugesagt. Auch das wurde am Samstagabend in Paris sehr klar.

Nächster Gipfel Marrakesch

"Heute feiern wir, morgen beginnt die Arbeit", sagte EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete, und andere Delegierte drückten sich ähnlich aus. Gut, dass sie bei aller Euphorie realistisch bleiben. Auf dem nächsten Klimagipfel in Marrakesch muss es nun darum gehen, die Pariser Beschlüsse mit Leben zu füllen. Und auch außerhalb der Gipfel bleibt noch viel zu tun, damit die Transformation in eine neue, klimafreundliche Welt tatsächlich gelingt.

Südafrikas Delegation zitierte am Samstagabend in Paris Nelson Mandela. Er soll sinngemäß gesagt haben: "Ich bin einen langen Weg zur Freiheit gegangen. Und habe dabei gelernt: Nachdem man einen Gipfel erklommen hat, sind weitere Berge zu besteigen." Wer sollte sich mit Umwälzungen besser auskennen, wenn nicht er? Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel. Die Arbeit fängt erst an.