Könnte man den Fortschritt von Klimakonferenzen an der Zahl der eckigen Klammern im Vertragsentwurf messen, so wäre dieser Gipfel ein enormes Stück weiter. Eckige Klammern markieren auf UN-Gipfeln die strittigen Punkte der Vertragsentwürfe. Je mehr es davon gibt, desto größer und komplizierter der Streit. Manchmal lassen sich die Klammern kaum noch auflösen – etwa in Kopenhagen, wo die Gräben so tief waren, dass am Ende des Klimagipfels nur noch ein Minimalkompromiss herauskam.

In Paris soll das jetzt anders werden. Bisher ist es den Diplomaten gelungen, die Zahl der eckigen Klammern um viel mehr als die Hälfte zu senken. Doch mehr als 1.800 bleiben noch.

Ein Beispiel gefällig? Im aktuellen Entwurf eines möglichen Pariser Abkommens (Artikel 2, Absatz 1) wird der Zweck des Vertrags definiert als:

Der Zweck des Vertrags

"(a) Den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur zu begrenzen auf [unter 1,5 °C ] [oder] [deutlich unter 2 °C] über dem vorindustriellen Niveau, indem eine tiefe Reduzierung der globalen Treibhausgas [netto] emissionen sichergestellt wird.

(b) Die Fähigkeit der Vertragsparteien zu erhöhen, sich an die widrigen Folgen des Klimawandels anzupassen [und wirksam auf die Folgen der Umsetzung von Reaktionsmaßnahmen und auf Verluste und Schäden zu reagieren]

(c) Eine Transformation zur nachhaltigen Entwicklung zu verfolgen, die Gesellschaften und Wirtschaftsformen fördert, die dem Klimawandel gegenüber widerstandsfähig sind und wenige Treibhausgase ausstoßen, und die Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln nicht gefährdet."

Das steht auf Seite drei von insgesamt 48 – man muss gar nicht weiterlesen, um in dem Vertrag jede Menge Sprengstoff zu finden. Übersetzt aus dem Jargon der Diplomaten markieren die Formulierungen in eckigen Klammern hier schon wichtige Grundsatzfragen:

Zwei Grad oder anderthalb? Wie viel Geld, für wen?

Wird man sich in Paris darauf einigen, die Erderwärmung unter 1,5 Grad halten zu wollen, oder lieber deutlich unter zwei Grad – oder werden beide Marken gestrichen? Akzeptieren die Industrieländer, Geld für Klimaschäden (loss and damages) zu zahlen, oder fliegt die Formulierung am Ende doch noch raus? Und werden einige Ölstaaten darauf bestehen, Geld zu bekommen für die "Umsetzung von Reaktionsmaßnahmen" auf den Klimawandel, sprich: den langsamen Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft, von der sie bisher so gut leben?

Am Anfang der Pariser Konferenz enthielt der Vertragsentwurf noch fast 1.700 strittige Passagen. Mittlerweile ist ihre Zahl auf unter etwas mehr als 900 geschrumpft, alle eingerahmt von eckigen Klammern. Ein Fortschritt ist das nur begrenzt: Die Delegationen haben den Vertragsentwurf aufgeräumt und viele Optionen einfacher formuliert. An die großen Streitpunkte aber haben sie sich bisher gar nicht gewagt. Sie alle sind noch ebenso offen wie zu Beginn des Gipfels.

Ungeklärt ist beispielsweise die Frage, auf welches Langfristziel man sich in Paris einigen will – und ab wann das Ziel gelten soll. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks gab sich am Dienstag so optimistisch wie in den Tagen zuvor: Die 1,5-Grad-Marke werde wohl auf jeden Fall im Abkommen erwähnt, sagte sie. Und am Ende werde das Wörtchen "Dekarbonisierung" Eingang in den Vertrag finden, oder doch zumindest Klimaneutralität. Manche Ölstaaten dürften das noch ganz anders sehen.