Der Gouverneur der britischen Notenbank, Mark Carney, hat kürzlich für Diskussionen unter Investoren und Energieunternehmen gesorgt. Carney warnte, der Klimawandel könne die Stabilität des Finanzsystems bedrohen. Die britische Notenbank meint damit nicht nur die Konsequenzen der zunehmenden Naturkatastrophen, die von der Finanzwelt bisher am meisten gefürchtet wurden. Sie sorgt sich auch um die Folgen, die der Übergang in eine klimafreundliche Volkswirtschaft haben könnte. In einer neuen Studie greift sie das auf.

Derzeit werden über 80 Prozent der weltweiten Energieversorgung aus fossilen Energien wie Öl, Kohle und Gas gewonnen. Ohne Klimaschutz würde sich dieser Trend fortsetzen. Wenn allerdings die globale Oberflächentemperatur auf zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts begrenzt werden soll, dürften zwei Drittel der fossilen Ressourcen nicht verbrannt werden und müssten im Boden verbleiben. Für Energieunternehmen mit einem Schwerpunkt im Bereich der fossilen Energien würde dies einer Entwertung ihrer Vermögenswerte gleichkommen. Die neue Studie der Bank of England schätzt, dass 30 Prozent aller Aktien und Anleihen betroffen wären. 

Am Beispiel von RWE zeigt die Studie der britischen Notenbank, wie sich der Übergang von fossilen zu erneuerbaren Energien im Aktienwert einer Firma niederschlagen kann. Zudem könnte der Marktwert von energieintensiven Unternehmen und Stromerzeugern deutlich fallen, wenn Marktteilnehmer erwarten, dass die Klimapolitik zu einer Reduktion der weltweiten Nachfrage nach CO2-intensiven Produkten und damit zu fallenden Renditen führen.

Eine frühzeitige Bewertung von Klimarisiken sowie die bindende Verpflichtung zu Emissionsminderungszielen auf nationaler und internationaler Ebene sind elementar, um den Wert von Unternehmen verlässlich einschätzen zu können. Die G7-Staaten haben sich geeinigt, die Wirtschaft bis zur Mitte des Jahrhunderts zu "dekarbonisieren", also die Emissionen um mindestens 90 Prozent zu senken. Was bedeutet das genau? Der Klimagipfel in Paris und die dort vereinbarten Klimaziele werden mehr Transparenz bringen. 

Unternehmenswerte in Gefahr

Um die weltweite Finanzstabilität zu sichern, müssen die möglichen Wertberichtigungen und Risiken frühzeitig im Marktwert der Unternehmen und im Risikoprofil von Anleihen abgebildet werden. Am Beispiel Volkswagen kann man derzeit ablesen, wie stark Unternehmenswerte vernichtet werden können, wenn Unternehmen nicht rechtzeitig die Umweltanforderungen berücksichtigen. Die Neubewertung von Dieselmotoren sowie die offenen Haftungskosten schmälern die Unternehmenswerte drastisch.

Das Beispiel zeigt eindrücklich, wie wichtig Transparenz und Compliance für Unternehmen sind. Außerdem könnten die Folgen des Klimawandels und Umweltkatastrophen politischen Druck für eine stringente Klimaschutzpolitik in vielen Regionen der Welt bewirken und damit zu einer gleichzeitigen Neubewertung von vielen Unternehmen führen.

In Frankreich sind zum Beispiel seit dem 1. Mai 2015 Unternehmen verpflichtet zu berichten, wie sie auf den Klimawandel reagieren und mit welchen Strategien sie ihn in ihren unternehmerischen Entscheidungen berücksichtigen. Institutionelle Investoren müssen hingegen aufzeigen, welchen Klimarisiken sie ausgesetzt sind. Das kann dazu beitragen, dass Risiken von Klimaschutzmaßnahmen für Unternehmen frühzeitig im Marktwert abgebildet werden. Damit werden Risiken für die Finanzstabilität reduziert und zugleich Anreize für jedes einzelne Unternehmen geschaffen, innovative und nachhaltige Technologien und Produkte für eine klimafreundliche Wirtschaft zu entwickeln. Risiken der Klimaschutzpolitik können so in Chancen für die Unternehmen und somit für die gesamte Volkswirtschaft verwandelt werden. 

Schon heute sind nachhaltige Technologien oftmals preiswerter als fossile Energien, wie man im Bereich der erneuerbaren Energien sehen kann. Je länger auf veraltete und rückwärtsgewandte Geschäftsmodelle gesetzt wird, desto kostspieliger und unsicherer wird der Übergang in eine CO2-freie Zukunft. Der Klimaschutz bietet enorme wirtschaftliche Chancen, welche, wenn rechtzeitig erkannt und umgesetzt, gerade für Unternehmen langfristig positiv sein werden. Je früher klare und verbindliche Klimaziele definiert werden, desto größer sind die wirtschaftlichen Chancen. Und desto leichter ist der Verlust von Unternehmens- und Kapitalwerten zu vermeiden.