Klimawandel tötet: Philippinische Umweltaktivisten bei einer Demonstration in Quezon City am vergangenen Sonntag © Erik De Castro/Reuters

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat keine Probleme, Nachwuchs zu rekrutieren. Denn wo sie herkommt, im Nordosten Nigerias, herrschen Armut und Perspektivlosigkeit. Der Staat kümmert sich kaum und die Armee nimmt bei ihrem Feldzug gegen die Islamisten keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Manche Politiker und Militärs sind so korrupt, dass nicht genau zu sagen ist, auf welcher Seite sie stehen. Für junge Männer ohne Zukunft kann es unter diesen Umständen verlockend sein, sich den Terroristen anzuschließen, die den Landstrich beherrschen.

Der Klimawandel hat die Gewalt noch verstärkt. Dort, wo Boko Haram entstanden ist, liegt der Tschadsee. Etwa 45 Millionen Menschen leben in seinem Einzugsgebiet, viele ernährt die Landwirtschaft und die Fischerei. Doch das Klima in der Region wird trockener, die Bauern müssen ihre Felder stärker bewässern – mit der Folge, dass der Tschadsee austrocknet. Viele junge Männer, die deshalb in der Gegend "kein Auskommen mehr finden, werden von Boko Haram rekrutiert", berichtete die nigerianische Kommission für Landwirtschaft und Wasserressourcen im Sommer 2014.

Beim Pariser Klimagipfel bat Nigerias Präsident Muhammadu Buhari deshalb um Hilfe für den See, gegen die Folgen des Klimawandels und gegen den Terror von Boko Haram.

Ein anderes Beispiel ist Syrien. Dort begann der Krieg im März 2011 in der Stadt Dara'a, als Syriens Machthaber Baschar al-Assad seine Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen ließ. Daraus wurde eine bewaffnete Rebellion; die lange entlang konfessioneller Grenzen schwelenden Konflikte traten plötzlich offen zutage.

Ohne die Aufstände in den arabischen Nachbarländern, die zur gleichen Zeit losbrachen, wäre der daraus entstandene Bürgerkrieg nicht denkbar gewesen. Auch hier hat Ressourcenknappheit die Gewalt verstärkt. Sie wurde begünstigt durch Bevölkerungswachstum und eine unzureichende Agrarpolitik der Regierung und verschärft durch eine Dürre in den Jahren 2006 bis 2011, die den Vereinten Nationen zufolge 800.000 Menschen ihrer Lebensgrundlagen beraubte.

Ultimativer Risikomultiplikator

Auf allen Kontinenten lassen sich Beispiele finden, die zeigen, wie die Erderwärmung Ressourcenkonflikte verstärkt und Gewalt begünstigt. Zwar lässt sich eine direkte Beziehung der einzelnen Wetterveränderungen – etwa der Dürre in Syrien – zum Klimawandel nicht eindeutig nachweisen. Aber viele Studien belegen: Durch die Erderwärmung werden Wetterlagen allgemein instabiler, mancherorts gibt es häufiger Fluten, anderswo wird das Wasser knapper. Wo ohnehin instabile Verhältnisse herrschen, steigt das Risiko von Gewaltausbrüchen.  

Kommt der Pariser Klimagipfel zu einem guten Ende, könnte er der Gewalt die Grundlage entziehen. Falls sich die Delegationen auf einen Weg einigen, ihren Ausstoß an Treibhausgasen künftig schneller und stärker zu senken als bisher vorgesehen. Und falls sie sich entschließen, die armen Länder künftig stärker in der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen, etwa durch Schadenersatz (im Gipfeljargon loss and damages genannt). Doch gerade der letzte Punkt ist im Moment in Paris sehr umstritten, eine Lösung nicht in Sicht.

Afrika und den Nahen Osten trifft die Erderwärmung besonders. Die Länder am Persischen Golf könnten unbewohnbar werden, falls der Klimawandel ungebremst voranschreitet, warnten zwei Forscher vor wenigen Wochen. Möglicherweise wird es nicht ganz so schlimm. Jeremy Pal und Elfatih Eltahir gingen von vier Grad Erwärmung aus, im Moment sieht es so aus, als könnten die UN-Klimaverhandlungen den Temperaturanstieg stärker dämpfen. Doch die Wasserknappheit in der Region wird auch dann größer. In Westafrika wiederum werden Dürren voraussichtlich künftig stärker ausfallen und länger andauern, selbst wenn es gelingen sollte, die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wie ein von der Europäischen Union gefördertes Forschungsprojekt des Helmholtz-Zentrums Geesthacht besagt.

Die Botschaft ist klar: In Zukunft werden Konflikte um Ressourcen wegen des Klimawandels häufiger auftreten und mehr Menschen werden ihre Heimat verlassen müssen als heute. "Der Klimawandel wirkt als ultimativer Risikomultiplikator", sagt Lukas Rüttinger von der Berliner Denkfabrik adelphi. 

Das ist mittlerweile auch in der Politik angekommen. Ein starkes Klimaabkommen werde zum Weltfrieden beitragen und dafür sorgen, dass weniger Menschen vor Wetterextremen fliehen, sagte Frankreichs Präsident François Hollande zur Eröffnung des Pariser Gipfels. "Der Kampf gegen Terrorismus und der Kampf gegen den Klimawandel sind zwei wichtige globale Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen." Und der US-amerikanische Außenminister John Kerry nannte die Erderwärmung vor Monaten "eine ernste Bedrohung der globalen Sicherheit. Wir werden unsere Arbeit ändern müssen, um dem zu begegnen."