Pegida-Demonstranten versammeln sich in Dresden. (Archivbild) © Fabrizio Bensch/Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Ragnitz, die ostdeutsche Wirtschaft wächst – in Sachsen sogar stärker als anderswo. Ausgerechnet dort scheint die Unzufriedenheit der Bürger aber besonders groß. Nirgendwo sonst bringt Pegida so viele Leute auf die Straße. Wie passt das zusammen?

Joachim Ragnitz: Die durchschnittlichen Wachstumsraten zeigen nicht, wie ungleich die Einkommen verteilt sind. Seit 25 Jahren ist Deutschland ein vereintes Land, aber der Abstand zwischen Ost und West ist immer noch groß. Die Löhne liegen im Osten um etwa 30 Prozent unter den westlichen Werten, die Wirtschaftsleistung pro Kopf auch. Daran ändert auch ein Wachstum von knapp zwei Prozent nichts, wie Sachsen es gerade verzeichnet.

ZEIT ONLINE: Aber gerade Dresden und Leipzig gelten doch als wirtschaftliche Schwergewichte.

Ragnitz: Das stimmt, und wer dort in der boomenden Industrie arbeitet, profitiert auch von der guten Entwicklung und hohen Gehältern. Aber es gibt auch in Dresden und Leipzig – und im Rest Sachsens erst recht – viele, die davon nichts haben: Arbeitslose, prekär Beschäftigte und Geringverdiener.

ZEIT ONLINE: Ist die Ungleichheit in anderen Bundesländern denn geringer?

Ragnitz: Nein, schon wenn man den Durchschnitt betrachtet, ist der Abstand zum Westen in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt gleich hoch, und in der Uckermark gibt es wohl ebenso viele Abgehängte wie in manchen Regionen Sachsens. Vermutlich hätten die Leute im Ruhrgebiet ebenso großen Grund, sich über Wohlstandsunterschiede zum reichen Bayern zu beklagen. Und selbst innerhalb Bayerns gibt es riesige Unterschiede zwischen armen und wohlhabenden Regionen, nur eben auf einem deutlich höheren Niveau.

Dass rechtsaffine Gruppen wie Pegida gerade in Sachsen so erfolgreich sind, liegt offenbar auch daran, dass sie sich dort besonders gut organisiert haben.

ZEIT ONLINE: Wie hoch ist der Anteil der Abgehängten, beispielsweise der Niedriglohnbezieher, in Sachsen?

Das Image des tollen Boom-Landes hat mit der Realität eines Arbeitslosen nichts zu tun.
Joachim Ragnitz

Ragnitz: Zur Einkommensverteilung gibt es auf Ebene der Bundesländer leider keine detaillierten Daten. Mein Eindruck ist, dass die Unterschiede zunehmen. Der Aufschwung geht an den Leuten vorbei, die nicht in einer Boom-Stadt leben, schlecht qualifiziert sind oder die falsche Ausbildung haben. Verständlicherweise sind viele dann unzufrieden. Und das wird noch verstärkt durch eine Politik, die gerade in Sachsen gerne das Image eines tollen, innovativen, fortschrittlichen Boom-Landes zeichnet. Mit der Realität eines prekär Beschäftigten oder einer Arbeitslosen hat das rein gar nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Und in Ostdeutschland sind mehr Leute vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen.

Ragnitz: Exakt. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote liegt im Osten bei 8,5 Prozent, im Westen sind es nur 5,4 Prozent.

ZEIT ONLINE: Entstehen durch den Aufschwung jetzt wenigstens neue Arbeitsplätze?

Ragnitz: Wir rechnen damit, dass die Erwerbstätigkeit im laufenden Jahr um 0,2 Prozent steigen wird und im kommenden Jahr um 0,4 Prozent. Das ist nicht wirklich viel. Der Mindestlohn hat aber ganz offensichtlich nicht so viele Arbeitsplätze gekostet, wie wir noch zu Anfang des Jahres befürchtet haben.

Allerdings wird die Zahl der Arbeitslosen im kommenden Jahr wohl trotz allem zunehmen, denn die Zahl der anerkannten Asylbewerber wächst. Damit steigt das Angebot an Arbeitskräften.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet die zusätzliche Konkurrenz für die Abgehängten?

Ragnitz: Das kommt darauf an, welche Qualifikationen die Flüchtlinge mitbringen. Viele sind nicht so gut ausgebildet, oder es fehlen ihnen Sprachkenntnisse. Sie sind wohl nicht leicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren – und wenn, dann nur zu Niedrigstlöhnen. Die Hochqualifizierten hingegen werden sich ihre Jobs womöglich in ganz Deutschland suchen, gerade auch im Westen, wo sie möglicherweise höhere Gehälter bekommen.

Im Moment stützen die Ausgaben für Flüchtlinge die Konjunktur.
Joachim Ragnitz

ZEIT ONLINE: Und wer bleibt, liegt dem Staat auf der Tasche?

Ragnitz: Das wird nicht ausbleiben. Schon jetzt hat die öffentliche Hand ihre Ausgaben erhöht, um Unterkünfte zu bauen und die Flüchtlinge zu verpflegen. Im Moment stützt das aber noch die Konjunktur; vor allem der Bausektor und karitative wie auch soziale Dienstleister profitieren.

Derzeit sind die Kosten – das ifo Institut schätzt sie auf 20 Milliarden Euro pro Jahr deutschlandweit – noch zu bewältigen. Spätestens wenn aber im Jahr 2017 immer noch so viele Menschen zu uns kommen, wird der Staat an anderer Stelle sparen oder die Steuern erhöhen müssen. Das haben viele noch nicht realisiert.

ZEIT ONLINE: Dann haben die Dresdner Demonstranten also doch Grund zur Sorge?

Ragnitz: Sie sind einfach misstrauisch gegenüber der Politik. Vor 25 Jahren wurden ihnen blühende Landschaften versprochen, die bis heute nicht entstanden sind. Die Leute fühlen sich im Vergleich zu den Westdeutschen immer noch als Bürger zweiter Klasse. Jetzt kommen die Flüchtlinge, und um die kümmert man sich – so ist das Empfinden.

Allerdings muss man auch sagen, dass gerade bei Pegida viele mitlaufen, die gut situiert sind, zum Beispiel Handwerksmeister, die sich in den vergangenen Jahren einen gewissen Wohlstand erarbeitet haben. Sie sorgen sich um ihr Lebenswerk. Ihr Gefühl ist: Wir haben so lange gekämpft, um uns das zu erarbeiten, und jetzt macht die Politik es uns kaputt, wie es schon einmal nach der Wiedervereinigung geschehen ist.

ZEIT ONLINE: Die Bürger der alten Bundesrepublik haben so eine Umbrucherfahrung noch nicht gemacht.

Ragnitz: Absolut. Die Erfahrung, alles zu verlieren und wieder ganz von vorne anfangen zu müssen, die gab es im Westen seit Kriegsende nicht mehr.