Von der griechischen Polizei bei Razzien sichergestellte gefälschte Reisepässe © Griechische Polizei

Am 29. Mai bekam M. beim Abendessen einen Anruf. Der Pakistaner war Mitglied eines Netzwerks von Passfälschern. "Haben Sie den Pass?", fragte der Anrufer. "Warten Sie ein paar Tage", antwortete M. gelassen. Sein Gesprächspartner ließ nicht locker: "Wie lange denn noch? Bis die Saison vorüber ist? Bis dahin sind es nur noch eineinhalb Monate. Danach wird es nicht mehr viele Flüge geben."

Es blieb bei einem kurzen Gespräch. Bevor M. auflegte, vertraute er seinem Gesprächspartner noch an, dass er überlegte auszusteigen. "Tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber lassen Sie noch ein oder zwei Pässe rausspringen", antwortete der. "Sie werden schon sehen. Es geht um viel Geld. Das macht süchtig."

"Der Pass ist echt"

So wie dieses Gespräch wurden Dutzende andere Telefonate von der Abteilung für Organisierte Kriminalität der Griechischen Polizei aufgezeichnet. Anfang Oktober verhaftete man in Athen zwölf Verdächtige aus Pakistan, Ägypten, Syrien und dem Irak. Die Ermittler warfen ihnen vor, einer kriminellen Vereinigung anzugehören.

Laut Polizei handelte es sich dabei um einen Schleuserring, der Flüchtlinge mit falschen Dokumenten von Griechenland nach Westeuropa schmuggelte. Mindestens sieben der Verdächtigen sollen in Athen und auf Kos gearbeitet haben. Kos ist eine jener Inseln in der Ägäis, die in den vergangenen Monaten viele Flüchtlinge von der türkischen Küste aus erreichten. Die Verdächtigen sitzen nun in Untersuchungshaft, während in dem Fall weiter ermittelt wird. Nach 18 weiteren Verdächtigen wird gefahndet.

Diese Männer sind nicht die einzigen in diesem lukrativen Geschäft. Das zeigt sich bei einem Blick in die Ermittlungsakten. Aber auch wenn man mit einem wieder freigelassenen Fälscher in Athen spricht oder mit einem Syrer, der "echte" syrische Pässe in der türkischen Grenzstadt Gaziantep verkauft.

Ungehindert Deutschland erreichen

Diese Recherche  macht deutlich, wie das Geschäft mit den Pässen funktioniert. Sie zeigt, welche Techniken benutzt und welche Umschlagpunkte von den Schleusern am meisten frequentiert werden. Einige Tage nach den Anschlägen von Paris im November 2015 sprechen wir mithilfe eines Übersetzers am Telefon mit einem Mann namens Safwan. Er hat auf Facebook eine Anzeige geschaltet, in der er dafür wirbt, syrische Pässe zu verkaufen. Er lebt in Gaziantep, etwa 300 Kilometer von Rakka entfernt – jener syrischen Stadt, die der "Islamische Staat" eingenommen hat.

Ein Screenshot der Facebook-Seite des Anbieters von gefälschten Pässen © Yiannis Papadopoulos

Wir geben uns als potenzielle Käufer aus Istanbul aus. "Der Pass ist echt", sagt Safwan. "Die erste Seite ist sauber. Ich habe weder Namen noch Stempel geändert. Wenn sie den Pass an der Grenze im Computer prüfen, werden Sie sehen, dass er echt ist."

Er erzählt weiter: "Mit diesem Pass ist ein Mann schon mehrmals in die Türkei eingereist und wieder hinaus. Der Pass sieht gut aus, und das ist das, was zählt." Natürlich gibt es einen Haken: "Man muss ihn wieder wie neu machen." Wir fragen, wie das geht. "Wir haben Leute für so etwas, ich bringe Sie mit denen in Kontakt", antwortet er. "Sie machen den Pass neu, und wenn wir ihnen 100 Dollar extra geben, machen sie noch einen Einreisestempel mehr. So kommen Sie aus der Sache raus wie ein Gentleman."

Er will weder sagen, wem der Pass ursprünglich gehört hat, noch wie er dazu überhaupt kam. Dafür versichert er uns, dass wir Deutschland ungehindert erreichen werden.