Diese Freiheitsstatue raucht wie ein Schlot – ständig quellen weiße Wolken aus ihrer Fackel. In ihrer linken Hand hält sie eine Tafel fest, darauf steht in großen Lettern "Freedom to pollute", die Freiheit, zu verschmutzen. Über die zerlumpten afrikanischen Flüchtlinge, die sich um ihre Beine scharen, schaut Liberty ausdruckslosen Blicks hinweg. Sie ignoriert auch den Menschen im Eisbärkostüm, der sich zu ihren Füßen mit Passanten fotografieren lässt. 

Aktivisten haben das Ensemble in Montreuil aufgebaut, einer Stadt östlich von Paris. Anlass ist der Klimagipfel. Mit geographischen Details nehmen es die Umweltschützer offensichtlich nicht so genau – aber das macht nichts, denn die Botschaft stimmt: Die Emissionen der reichen Länder, unter anderem der USA, sind maßgeblich verantwortlich für den Klimawandel, dessen Folgen wir jetzt schon spüren; durch häufigere Unwetter, steigende Temperaturen und mehr Migration. 

Symbol für den American Way of Life: Eine Freiheitsstatue in Montreuil bei Paris © Alexandra Endres

"Wir sind mitten in der Klimakrise", sagt Malika Peyraut, Sprecherin von Friends of the Earth in Frankreich. Daran werde auch der Gipfel der Regierungen, der gerade wenige Kilometer nordwestlich in Le Bourget tagt, nichts ändern: "Die Pariser Konferenz wird keine Lösung bringen. Das wissen wir schon jetzt."

Zwei-Grad-Ziel wird nicht erreicht

Denn es ist jetzt schon klar, dass die freiwilligen Klimaversprechen (INDC), die so gut wie alle verhandelnden Staaten vor Paris abgegeben haben, nicht ausreichen werden, um die Erderwärmung unter der politisch festgelegten Marke von zwei Grad zu halten. Weitere Selbstverpflichtungen aber wird es in Paris nicht geben. Im Moment streiten die Delegierten vielmehr über Finanzen und die Fragen, in welchem Rhythmus die Staaten ihre Versprechen später nachjustieren müssen und ob arme Länder für die Folgen des Klimawandels entschädigt werden sollen.

Malika Peyraut geht das alles viel zu langsam. "Die Veränderung muss von unten kommen", sagt sie. Der Ansicht sind auch die Vertreter von mehr als 100 französischen Organisationen, unter ihnen Umweltschützer, Gewerkschafter, Kirchen, Entwicklungs-, Jugend- und Frauenorganisationen. Ihr Motto: Wenn wir nichts tun, wird es niemand an unserer Stelle tun. Gemeinsam sind sie die Coalition Climat 21, die an diesem Wochenende in Montreuil zum Klimagipfel der Bürger gerufen hat.

Das System muss sich ändern, nicht das Klima: Malika Peyraut, Sprecherin von Friends of the Earth Frankreich, auf dem Bürgergipfel in Montreuil © Alexandra Endres

"Wir haben hier alle Alternativen, die wir brauchen, um das System zu verändern", sagt Peyraut. Denn darum geht es ihnen: Das System zu verändern, nicht das Klima. So gesehen symbolisiert die Freiheitsstatue von Montreuil nicht den Klimasünder USA, sondern den ganzen American Way of Life.  

Peyraut sieht das ganz grundsätzlich: "Die Welt steckt in einer tiefen ökologischen und sozialen Krise", sagt sie, "und die Ursache ist die Art, wie wir produzieren und konsumieren: Der Finanzsektor ist dereguliert, die Energie schmutzig, die Unternehmen haben zu viel Macht übernommen, die natürlichen Ressourcen werden rücksichtslos ausgebeutet, Konzerne oder Staaten nehmen den Leuten in Entwicklungsländern ihr Land. Das alles müssen wir ändern."

Dorf der Alternativen

Wie das zumindest im Kleinen funktionieren könnte, ist während des Gegengipfels auf dem Platz vor dem Rathaus und in den angrenzenden Straßen Montreuils zu besichtigen. Ein ganzes Dorf der Alternativen haben sie hier aufgebaut, und ihr Ziel ist, nach und nach Tausende solcher Dörfer zu schaffen.

In Montreuil verkaufen Biobauern Selbstgezogenes und Selbstgekochtes, Gewerkschaften werben für ein allgemeines Grundeinkommen, eine Gruppe setzt sich für das Recht auf Bildung von Flüchtlingen ein, und Solarinitiativen suchen Sparer, die ihr Vermögen in Erneuerbare statt in fossile Aktien stecken wollen – Divestment in seiner Graswurzelversion. Atomkraftgegner aus Japan vernetzen sich mit Gleichgesinnten aus Frankreich, im Rathaus gibt die Böll-Stiftung ein Teach-in zum Grünen Klimafonds, eine Gruppe von Franziskanern prangert die Zerstörung des Amazonaswaldes an, und lokale Recyclinginitiativen zeigen, was sich alles aus Müll herstellen lässt. 

Engel gibt es auch: eine Gruppe von Frauen in weißen Gewändern, auf dem Rücken tragen sie breite Flügel aus Stofffetzen und Draht. Vor ein paar Tagen standen sie am Eingang der offiziellen Klimakonferenz in Le Bourget, diesen Sonntag sind sie auf dem Bürgergipfel. "Wir sind aus Australien gekommen, um während des Klimagipfels unsere Solidarität zu zeigen", sagt Ruth, eine von ihnen, gut gelaunt. Dann kommt eine Band um die Ecke und die Engel tanzen davon.    

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