Oliver Samwer, Mitgründer der Start-up-Schmiede Rocket Internet, im Januar 2015 bei der Digital-Life-Design-Konferenz (DLD) © Tobias Hase/dpa

Es sollte ein Befreiungsschlag für Oliver Samwer werden. Im Oktober kündigte der Essenslieferdienst HelloFresh seinen Börsengang an. Seine Macher hofften auf bis zu 500 Millionen Euro frisches Kapital. Das Berliner Start-up, trotz starken Wachstums tief in den roten Zahlen, brauchte das Geld – und Samwer brauchte die gute Nachricht. Mit seinem Unternehmen Rocket Internet hat er viele Millionen Euro in HelloFresh investiert. Er hält gut die Hälfte aller Anteile. Der Börsengang war als Signal geplant: Unser Investment hat sich gelohnt.

Doch die Aktion geriet zum Rohrkrepierer. Keine zwei Wochen nach der Ankündigung blies HelloFresh den Börsengang wieder ab; offiziell, um ein besseres Marktumfeld abzuwarten. Kurz darauf sickerte jedoch durch, dass Samwers Pläne wohl vom Aufsichtsrat bei Rocket Internet durchkreuzt wurden. Ein schwedischer Investor hatte sich im Gremium dagegen ausgesprochen – und Samwer bloßgestellt.

Der verpatzte Börsengang steht exemplarisch für die vergangenen Monate bei Rocket Internet. Die Ankündigungen sind groß, teils gigantisch, und die Erwartungen schießen dementsprechend in den Himmel. Das Problem ist: Bislang wurden sie vor allem enttäuscht. Erfolgsmeldungen sind bei Rocket Internet derzeit Mangelware, stattdessen hagelt es vor allem Negativschlagzeilen: hohe Verluste, Intransparenz, ein extrem riskantes Geschäftsmodell. Zuletzt beschwerten sich ehemalige Mitarbeiter über die "Bootcamp"-Atmosphäre innerhalb der Firma.

Ein Imperium aus Firmenklonen

All diese Probleme sind nicht neu, sie begleiten Rocket Internet seit der Gründung im Jahr 2007 durch die drei Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer. Und doch wirkte das Unternehmen bislang unantastbar von solchen Vorwürfen, die Kritik perlte ab. Diese Phase scheint nun vorbei. Schon der eigene Börsengang im Jahr 2014 verlief ernüchternd: Vom erhofften Silicon-Valley-Flair war kaum etwas zu spüren, der Hype um Rocket Internet bekam erste Risse. In den vergangenen Monaten verloren dann auch immer mehr Anleger das Vertrauen. Der Preis der Aktie hat sich seit Februar mehr als halbiert. Heute liegt er deutlich unter dem Ausgabeniveau.

Rocket Internet steht vor allem unter massivem finanziellen Druck, weil die Holding ohne das Geld der Investoren nicht überlebensfähig ist; selbst hat sie bisher keine nennenswerten Gewinne erwirtschaftet. Doch wie lange haben die Investoren noch Geduld? Vor allem, wenn die Beteiligungen wie HelloFresh weiterhin tiefrote Zahlen schreiben? "Im ersten Halbjahr 2016 müssen dringend ein paar gute Neuigkeiten her", sagt daher Dominik Große Holtforth, Leiter des E-Commerce-Instituts an der Hochschule Fresenius in Köln.

In den nächsten Jahren will Rocket Internet zum größten Internetunternehmen außerhalb der USA und China aufsteigen – mit seiner bekannten Copy-and-Paste-Taktik. Rocket gründet und investiert reihenweise in Start-ups, die erfolgreiche Geschäftsmodelle aus anderen Märkten kopieren: So entstand eine Gruppe von heute rund 50 schnell wachsenden Firmenklonen, an denen Rocket Internet beteiligt ist, und in die für noch schnelleres Wachstum weitere Millionen hineingepumpt werden.

Bekannte Rocket-Sprösslinge sind der Kleidungsversand Zalando, mittlerweile einer der größten Onlineshops in Deutschland, besagtes HelloFresh, das Einkaufsfaule mit frischem Gemüse und Fleisch beliefert, oder Home 24, ein Internet-Möbelhändler, der auf lange Frist Ikea überflüssig machen soll. Die Firmen sind in sehr unterschiedlichen Branchen aktiv. Große Holtforth sieht darin ein Problem. "Es ist fraglich, wie lange diese Komplexität noch aufrechterhalten werden kann."

Starkes Wachstum, hohe Verluste

Neben starkem Umsatzwachstum haben die Firmen vor allem eins gemein: ihre hohen Verluste. Allein die elf vielversprechendsten Beteiligungen, von Rocket Internet neudeutsch als "Proven Winners" beworben, wiesen 2013 zusammen Jahresfehlbeträge in Höhe von 442 Millionen Euro auf. Darüber hinaus verfüge man nicht über die Informationen, um den Gesamtverlust aller Beteiligungen "verlässlich zu ermitteln", teilte Rocket in seinem Börsenprospekt mit. Mit anderen Worten: Der Star der deutschen Internetwirtschaft kann – oder will – nicht sagen, wie tief seine Investitionen in den roten Zahlen stecken.

Laut Jörg Funder, Professor für Strategisches Management und Unternehmensführung an der Hochschule Worms, fehlt Rocket Internet noch immer die notwendige unternehmerische Transparenz, besonders bei harten Kennzahlen wie Gewinn und Verlust. Er ist skeptisch, ob Rocket Internet die versprochene Erfolgsgeschichte liefern kann: "Bislang gibt es nur die Story des Managements, dass man irgendwann profitabel sein wird." Wann wird das sein? "Eine Zeitangabe wird gezielt vermieden, denn daran könnte Rocket gemessen werden." Typischerweise seien bei Internetunternehmen jedoch bis zu zehn Jahre Vorlauf nötig, ehe die erste schwarze Null in der Bilanz steht.