"Es ist möglich, sich zu wehren. Und hoffentlich gibt es Gerechtigkeit.": Saúl Luciano Lliuya (rechts) und sein Vater Julio Luciano Shuan auf dem Klimagipfel in Paris. © Alexandra Endres

Saúl Luciano Lliuya fröstelt in der Winterkälte von Paris. Mit seinem Vater Julio steht er vor einem großen Zelt auf dem Flughafen Le Bourget, nordöstlich der französischen Hauptstadt. Beide haben eine Botschaft für die Delegierten, die auf dem offiziellen Gelände des Klimagipfels wenige Hundert Meter entfernt über ein neues Abkommen feilschen – und für Journalisten, die über die Verhandlungen berichten.

Saúl Luciano Lliuya ist Bauer und Bergführer in den peruanischen Anden, und er hat vor wenigen Wochen RWE verklagt. Als Produzent von Kohlestrom gehört RWE zu den Hauptverursachern des Klimawandels, der Luciano Lliuyas Heimat bedroht. Dafür soll der Konzern zahlen.

RWE sei für rund ein halbes Prozent aller seit Beginn der Industrialisierung weltweit freigesetzten Treibhausgasemissionen verantwortlich, erklärt die Organisation Germanwatch, die Luciano Lliuyas Klage unterstützt. An dem halben Prozent Anteil bemisst sich auch die geforderte Summe.

Das Haus der Familie von Luciano Lliuya liegt in der 55.000-Einwohner-Stadt Huaraz, unterhalb eines Gletschersees in einem Tal der Anden. Durch die Gletscherschmelze ist der See seit 2003 um mehr als das Vierfache gewachsen. Seine Dämme sind marode, aber den Behörden fehlt das Geld, um sie zu reparieren. Huaraz ist in Gefahr, von einer enormen Flutwelle überschwemmt zu werden.  

"Wenn ich Touristen in die Berge führe, sehe ich, wie die Gletscher jedes Mal ein wenig kleiner geworden sind", sagt Luciano Lliuya. "Das macht mich wütend." Er und seine Familie spürten den Klimawandel schon lange. "Der Regen kommt nicht mehr so verlässlich. Das gefährdet unsere Kartoffel-, Mais- und Quinoa-Ernte. Manche Tiere sind schon verschwunden: Vögel migrieren, und einen bestimmten Frosch gibt es gar nicht mehr."

Die USA verklagen? Undenkbar.

Natürlich würden er und seine Nachbarn sich anpassen, so gut sie könnten. "Aber wir haben keine andere Möglichkeit als die Landwirtschaft. Und spätestens wenn die Gletscher weg sind und es kein Trinkwasser mehr gibt, müssen die Leute weg."

Lange hätten er und seine Familie überlegt, wie sie sich wehren könnten. Wen könnten sie für die Bedrohung zur Rechenschaft ziehen? "Große Staaten wie die USA? Das wäre unmöglich", sagt Luciano Lliuya. Dann vermittelte ein Freund den Kontakt zu Germanwatch – und Luciano Lliuya hatte gefunden, was er gesucht hatte. Die Nichtregierungsorganisation unterstützt seine Klage gegen RWE aus Spenden, die sie eigens sammelt. Auf dem Klimagipfel in Paris soll auch seine Geschichte einen Teil dazu beitragen, dass der Druck auf die Delegierten steigt, sich auf ein ambitioniertes Abkommen zu einigen.  

Juristisch gesehen ist Luciano Lliuyas Klage einmalig. Bislang ist es noch niemandem gelungen, einzelne Konzerne vor Gericht für den Klimawandel verantwortlich zu machen. Doch Luciano Lliuyas Anwältin Roda Verheyen gibt sich zuversichtlich. Sie stützt sich auf den Paragraphen 1004 des Bürgerlichen Gesetzbuchs: "Wird das Eigentum in anderer Weise als durch Entziehung oder Vorenthaltung des Besitzes beeinträchtigt, so kann der Eigentümer von dem Störer die Beseitigung der Beeinträchtigung verlangen. Sind weitere Beeinträchtigungen zu besorgen, so kann der Eigentümer auf Unterlassung klagen", heißt es darin. Das gelte auch für Eigentum im Ausland, sagt Verheyen.