In Algeriens Hauptstadt Algier schaut eine Frau über ihren Stadtteil Diar El Kehf. (Archiv) © Farouk Batiche/Reuters

Nassima Dzair hat sich die Fingernägel rot lackiert, der Lippenstift passt perfekt. Ihr Rock endet weit oberhalb der Knie. Die dunklen Haare fallen in langen Wellen über die Schultern. Die 31-Jährige steht im Scheinwerferlicht auf der Bühne eines Konferenzsaals und erzählt vor mehr als tausend Zuhörern ihre Geschichte.

Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die nach Kindheit und Jugend in Norwegen in das Land ihrer Eltern zurückgekehrt ist, um hier ein Unternehmen aufzubauen. Ausgerechnet nach Algerien. Nassima Dzair wirkt hier wie ein Paradiesvogel. Draußen vor dem Konferenzsaal sind die Zeiten längst vorbei, in denen Teenager bauchfrei und in engen Jeans durch die Hauptstadt schlendern. Frauen ohne Kopftuch sieht man nur noch selten in der Öffentlichkeit. Bei Einbruch der Dunkelheit leeren sich die Straßen. Die Algerier gehen nach Hause statt ins Theater. Die meisten Veranstaltungsräume wurden auf Druck konservativer Muslime geschlossen. Die wenigen noch existierenden Bars wirken wie Untergrundtreffs: versteckt in dunklen Gassen, kaum gekennzeichnet.

Es gibt wenig, was junge Leute aus Europa attraktiv finden könnten an diesem nordafrikanischen Land. Algerien hat keinen Arabischen Frühling erlebt. Und der anhaltende Ölpreisverfall gefährdet die politische Stabilität. Diese hat sich die Regierung bisher mit subventionierten Grundnahrungsmitteln, Wohnungen, Kraft- und Heizstoffen erkauft. Die Berater der britischen Agentur Control Risks haben ausländische Unternehmen erst kürzlich vor einem gestiegenen Risiko für Investitionen und Mitarbeiter gewarnt. Die älteren Algerier erinnern sich mit Schrecken an die Ölkrise Mitte der 1980er Jahre, die erst zu einem Erstarken der Islamisten führte und dann in einen fast zehn Jahre dauernden blutigen Bürgerkrieg.

Trostlosigkeit weckt Erfindertum

Doch Nassima Dzair ist enthusiastisch. Sie glaubt, dass Algeriens Jugend, heute zu 25 Prozent arbeitslos, nur einen kleinen Schubs braucht, um Großes zu leisten. Ihr Unternehmen InterBridge bietet Seminare für junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren an, die sich selbstständig machen wollen.

Es scheint, als ob ausgerechnet die einschläfernde Trostlosigkeit Algeriens neue Ideen gedeihen lässt. Während einheimische Jugendliche noch von Europa träumen, wo scheinbar alles besser ist, kommt von dort die zweite oder dritte Generation in das Land der Vorfahren zurück und schwärmt von unbegrenzten Möglichkeiten im Norden Afrikas.

"Europa ist zu eingefahren"

"Die Algerier waren in schwierigen Zeiten immer besonders erfinderisch", sagt Toufik Lerari. "Das ist der Glockenschlag, auf den wir gewartet haben." Geschniegelt und gebügelt in tadellos sitzendem dunklem Anzug und weißem Hemd ist der 38-Jährige aus Paris eingeflogen, wo er vor 14 Jahren eine winzige Kommunikationsagentur kaufte. Tequilarapido zählt heute 50 Mitarbeiter. Völlig neue Wege beschreiten, das sei in Algerien besser möglich, sagt Lerari. "In Europa ist vieles schon zu eingefahren." Wenn er in Paris sage, dass er eine digitale Kommunikationsagentur besitze, erhalte den Zuschlag für Printwerbung eine andere Agentur. Und die Radiowerbung mache noch mal jemand anders. "Hier bekomme ich den kompletten Auftrag, weil es keine festen Strukturen gibt und auch die Erfahrung fehlt."

Lerari ist Mitbegründer der ersten digitalen Kommunikationsagentur Algeriens namens Allégorie. Er hat die zweitägige Konferenz in Algier organisiert, auf der Nassima Dzair und andere Jungunternehmer ihre Projekte vorstellen. "Fikra", lautet der Titel der Tagung. Das ist Arabisch und bedeutet "Idee". Von den Absagen der eingeladenen Minister lässt sich Lerari nicht abschrecken. "Wir haben Lust, uns einzubringen."