Es ist an der Zeit, eine Lanze für Angela Merkel zu brechen. Ganz einsam sei es um sie, ist zu lesen. Die Beschreibung produziert das Beschriebene gleich mit, wie das so üblich ist in unserer Medienwelt: Rudel- und Herdentrieb schaffen ein Bild, einen Eindruck, der sich erst über das Rudelverhalten festsetzt, aber dann auch schnell zur Realität werden kann. Vor ein paar Monaten war es noch die Begeisterung über die helfenden Deutschen, die real und medial produziert zugleich war, heute geht es mit ähnlicher Sensationslust in die andere Richtung.

Ja, eine Lanze für Angela Merkel – und ich bin gewiss niemand, der generell von besonderer Begeisterung für die christdemokratische Kanzlerin erfüllt ist. Von ihrem Umgang mit der Eurokrise zu Beginn über die antigriechischen Töne im nordrhein-westfälischen Wahlkampf vor knapp sechs Jahren bis hin zum Showdown mit der neuen griechischen Syriza-Regierung im vergangenen Frühsommer: Merkel hat viel falsch gemacht. Ich habe sie dafür immer kritisiert. Sie hat aktiv dazu beigetragen, eine Spaltung der Europäischen Union in den soliden Norden und die unsoliden Südstaaten herbeizureden. Ihre Regierung war dafür verantwortlich, den Spaltpilz in die EU hineinzutreiben.

Und ja, vielleicht ist sie damit für ihre jetzige Situation auch mitverantwortlich: Wenn man bei einem Thema damit anfängt, gesamteuropäische Probleme nach dem Sankt-Florian-Prinzip zu behandeln, dann muss man sich nicht wundern, wenn die Saat dann auch beim nächsten Thema aufgeht. Aber dennoch.

Wie Merkel in der Flüchtlingsthematik bisher agiert hat, verlangt Respekt: Erst hat sie eine humanitäre Tragödie verhindert, indem sie im Konzert mit wenigen anderen Ländern – Österreich, Schweden –, die Aufnahme der Schutzsuchenden beschloss und das europäische Dublin-System faktisch außer Kraft setzte. Dann hat sie aber auch noch auf bemerkenswerte Weise über die Sache kommuniziert: Sie machte deutlich, dass diese Entscheidung eine "Werteentscheidung" ist und dass diese Entscheidung ihrem höchstpersönlichen Wertekompass entspricht. Damit wurde sie in der Welt der oberflächlichen Medienpolitik zu einer Figur, die jenseits von wahltaktischen Überlegungen für etwas steht. Man soll die Bedeutung dessen in der Zeit des grassierenden Politikverdrusses nicht unterschätzen: In so einer Zeit nötigen solche Politiker sogar jenen Respekt ab, die ganz andere Haltungen haben. Salopp gesagt: Hauptsache eine Haltung in einer Welt der Haltungslosen.

Diejenigen, die jetzt mit Angstlust oder Sensationsgier einen Niedergang von Merkels Kanzlerschaft oder sogar ihren Sturz herbeischreiben, mögen sich fragen, was sie eigentlich wollen? Eine Europäische Union, in der das letzte verbliebene Gravitationszentrum, Merkel nämlich, verschwindet? Ausgerechnet in so einem gespannten Moment? Glauben diese Leute wirklich, dass die zentrifugalen Kräfte in der Union noch irgendwie in den Griff zu bekommen wären? Und wie soll es denn derer Meinung nach mit der Flüchtlingsbewegung weitergehen? Grenzzäune überall? Die Leute in den Lagern im Libanon und Jordanien vergammeln lassen? Diese Länder, die tatsächlich überfordert sind, kollabieren lassen? Oder die Flüchtlingsboote in der Ägäis versenken?

Sagen wir es offen: Die Kritiker der Merkelschen Flüchtlingspolitik haben überhaupt keine tragfähige Alternative. Sie sind nur irgendwie dagegen.

Die Frage müssen sich nicht nur die Kommentatoren in den Medien stellen, die natürlich, so will es ihr Selbstbild, nur Beobachter sind, aber keine Akteure. Aber in Wirklichkeit an vorderster Front an einer gesellschaftlichen Grundstimmung mitstricken.