Im Streit über die richtige Politik in der Flüchtlingskrise und eine Obergrenze für Asylbewerber in Deutschland hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Unterstützung der deutschen Wirtschaft bekommen. Die Präsidenten der wichtigsten Verbände forderten Merkel auf, an ihrem Kurs für offene Grenzen festzuhalten und warnten vor den Folgen von Grenzschließungen. "Wenn sie nachgibt, bricht uns die Europäische Union auseinander", sagte Außenhandelspräsident Anton Börner. Der Schengen-Raum offener Binnengrenzen zwischen 26 europäischen Staaten müsse verteidigt werden. "Wenn man jetzt Schengen in dieser Form zerstört und die Europäische Union massiv gefährdet, dann befürchte ich eine Kettenreaktion, die beim Euro nicht haltmachen wird", sagte er. 

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer befürchtet ähnliche Folgen. "Grenzen innerhalb Europas müssen offen sein – das ist das Erfolgskonzept für Deutschland, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen." Mit einer Rückkehr zu Grenzkontrollen würde das Erfolgsmodell Deutschland zu Grabe getragen. "Das Schließen von Grenzen ist das Gegenteil von dem, was uns groß gemacht hat."

DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben sieht die Gefahr, dass das System des arbeitsteiligen Wirtschaftens in Deutschland und Europa ausgehebelt werde. Mit der Öffnung der Grenzen vor Jahren hätten die Firmen seinerzeit ihre Versorgung mit Produkten, Komponenten und Rohstoffen umgestellt. Lager seien geschlossen worden, weil man sich auf pünktliche Anlieferungen (Just-in-time) verlassen könne. Gebe es die offenen Grenzen nicht mehr, müssten wieder teure Lagersysteme aufgebaut werden. Das aber werde Wohlstandeinbußen und Arbeitsplätze kosten.

Der DIHK rechnet mit Kosten von rund zehn Milliarden Euro im Jahr, sollten wieder Grenzzäune in Europa Routine werden. Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) erwartet, dass sich allein die internationalen Straßentransporte um etwa drei Milliarden Euro verteuern dürften. Der künftige Präsident des Ifo-Instituts Clemens Fuest allerdings hält solche Szenarien für übertrieben, wie er dem Radiosender SWR2 sagte.

Mit der Ankündigung der österreichischen Regierung vom Mittwoch, Obergrenzen für Asylbewerber einzuführen und die Grenzen stärker zu kontrollieren, ist der ohnehin große Druck auf Merkel weiter gewachsen, ähnliche Maßnahmen zu ergreifen. Auch Schweden hat wieder stärkere Grenzkontrollen eingeführt. In Deutschland fordern vor allem Politiker aus der CSU, aber auch in Merkels Partei CDU eine Obergrenze und die Einführung von Grenzkontrollen. Deutschland ist das letzte der drei wichtigsten Flüchtlingszielländer, das seine Grenzen noch nicht schärfer absichert. 

Seehofer gegen Merkel

Merkel hatte am Mittwoch bei einem Besuch der Klausur der CSU-Landtagsfraktion aber deutlich gemacht, dass sie zwar eine spürbare Absenkung des Zuzugs will, dazu aber weiter auf gemeinsame europäische Lösungen setzt. Eine Obergrenze für Flüchtlinge lehnt die Kanzlerin ab. 

Bayerns Ministerpräsident Seehofer sieht die Berliner Regierungskoalition wegen des Streits inzwischen in einer "ernsten Lage". Er sprach in Wildbad Kreuth zum Abschluss der Klausur der CSU-Landtagsfraktion von "signifikanten Meinungsunterschieden", was Lösungen angehe, und der womöglich größten Herausforderung in seiner politischen Laufbahn. Ein Ausstieg aus der Koalition kommt für ihn aber dennoch nicht in Frage. Sein Verhältnis zu Merkel sei allerdings strapaziert. "Das fordert von mir große, große Geduld."

Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte auf dem Wirtschaftsforum in Davos vor einer Rückkehr zu Grenzzäunen und -kontrollen gewarnt. Das wäre eine wirtschaftliche Katastrophe und würde die Arbeitslosenzahlen steigen lassen.

Deutschlands Wirtschaft ist mit einem Außenhandelsvolumen von 2,6 Billionen Euro im Jahre 2014 so stark auf Geschäfte mit dem Ausland ausgerichtet wie nur wenige Länder. Knapp 60 Prozent davon entfallen auf Europa. 80 Prozent des Warenverkehrs mit den europäischen Staaten wird über Land abgewickelt, vor allem mit Lastwagen. Dieses Geschäft hängt besonders ab von offenen Grenzen.