Nach der Schulzeit müssen sich junge Menschen in Deutschland entscheiden: Ausbildung oder Studium? Jedes Jahr wählen Hunderttausende eine duale Ausbildung. Drei bis vier Tage pro Woche lernen und arbeiten sie in einem Unternehmen. An den übrigen Wochentagen drücken sie die Schulbank. Weltweit ist dieses System einzigartig. Ausbildungen in anderen Ländern sind theoretischer Natur, falls es sie überhaupt gibt. Ansonsten heißt es: Studieren oder im Supermarkt Regale einräumen.

Nach der Finanzkrise zeigten sich die Probleme: Wer nicht studiert hatte, stand auf der Straße. Gerade in Südeuropa war die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen exorbitant hoch. Auch heute sind Spanien und Portugal noch keine attraktiven Arbeitsmärkte für junge Leute, selbst Akademiker haben es schwer. Mehrmals hatten Politiker deshalb überlegt, das System deutsche betriebliche Ausbildung zu exportieren.

Denn auch wenn hierzulande immer mehr junge Menschen ein Studium statt einer Ausbildung beginnen, das System ist gut. Während in Griechenland und Spanien mehr als 50 Prozent der jungen Menschen keinen Job haben, hat Deutschland die europaweit niedrigste Jugendarbeitslosenquote. Die Schweiz und Norwegen folgen auf den Plätzen zwei und drei.

Hinzu kommt, dass eine Ausbildung eine gewisse Gehaltssicherheit gibt. Wer etwas von der Pike auf gelernt und entsprechende Zeugnisse hat, kann auch einen gewissen Preis verlangen. Wer binnen fünf Minuten angelernt und ersetzt werden kann, hat eine deutlich schlechtere Verhandlungsposition.

Entsprechend gut ist die Stimmung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Dank Wirtschaftswachstum und hoher Beschäftigung gehen rund zwei Drittel der Deutschen davon aus, dass ihr Job bombensicher ist. 28 Prozent halten eine Entlassung zumindest für nicht sehr wahrscheinlich, wie das Beratungsunternehmen Gallup ermittelte. Trotzdem sind viele überzeugt, dass sie sich noch verbessern können: Jobplattformen verzeichnen derzeit einen regelrechten Run auf freie Stellen. Und zwar nicht nur auf Positionen für Akademiker, auch gelernte Fachkräfte sind selbstbewusst auf der Suche.

Geringe Arbeitslosigkeit, aber hohe Unsicherheit

Es gibt nur eine Sache, bei der die betriebliche Ausbildung Deutschland alt aussehen lässt. Und das sind befristete Arbeitsverträge.

Erst kürzlich veröffentlichte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Umfrageergebnisse, laut denen ausgerechnet junge Deutsche nichts von der guten Stimmung am Arbeitsmarkt mitbekommen.

Sie hangeln sich von einem befristeten Vertrag bis zum nächsten. Auch die Arbeitsmarktdaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeichnen ein solches Bild. Demnach gibt es nur in Frankreich, den Niederlanden, Portugal und Spanien noch mehr junge Menschen mit Zeitvertrag.