Es gibt viele Zahlen, mit denen man die vergangenen zehn Jahre als Erfolgsstory für den deutschen Arbeitsmarkt erzählen kann. Da ist zum Beispiel die Arbeitslosenquote: Sie lag im Jahresdurchschnitt 2005 noch bei 13 Prozent; bis heute hat sie sich mehr als halbiert. Viel zitiert ist auch die Zahl der Erwerbstätigen: Vor zehn Jahren gingen hierzulande noch rund 39 Millionen Menschen einer regelmäßigen Arbeit nach; mittlerweile zählt die Statistik mehr als 43 Millionen – Höchststand für das wiedervereinigte Deutschland.

Alles gut also? Mitnichten.

Denn es gibt Zahlen, die eine andere Geschichte erzählen. Eine Geschichte, in der es neben vielen Gewinnern auch Verlierer gibt, vor allem unter den schlecht Ausgebildeten. Am deutlichsten ist dabei die Entwicklung der Reallöhne: Sie sind in den vergangenen Jahren für keine andere Gruppe so stark gesunken wie für die Geringqualifizierten. Rechnet man ihre Lohnerhöhungen der vergangenen Jahre gegen die allgemeine Preissteigerung auf, können sie sich heute weniger leisten als noch 2005. Sie wurden de facto ärmer. Ein weiteres Problem: Die offizielle Arbeitslosenstatistik erfasst nur einen Teil der Betroffenen im unteren Segment des Arbeitsmarkts. Andere, ebenfalls hilfsbedürftige, Personen werden ausgespart. (siehe Grafik)

Die vergessenen Millionen

Doch selbst die guten Effekte – mehr Beschäftigung, weniger Arbeitslose – scheinen am unteren Ende der Leiter kaum mehr anzukommen. "Wir erleben derzeit vor allem bei den Geringqualifizierten ein Arbeitslosigkeitsproblem", sagt Thomas Bauer, Vizepräsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Was der Ökonom damit meint: Nachdem jahrelang relativ gut ausgebildete Arbeitslose neue Stellen fanden und aus der Statistik fielen, ist der verbliebene Kern nur noch sehr schwierig in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

In den vergangenen Monaten kamen zudem Hunderttausende Flüchtlinge ins Land. Hunderttausende vor allem junge Männer, die in den kommenden Jahren auf den deutschen Arbeitsmarkt drängen werden – und deren berufliche Ausbildung in der Regel unklar ist. Es stellt sich die Frage: Verschärfen sie die Probleme im Niedriglohnsektor, drücken sie die Gehälter noch weiter? Oder können sie den Arbeitsmarkt langfristig entlasten? Die Antwort hängt vor allem von der Qualifikation der Flüchtlinge ab – und wie unbürokratisch Deutschland damit umzugehen weiß.

Mehrere Studien haben versucht, den Bildungsstand der Flüchtlinge in Zahlen zu erfassen. Die Ergebnisse variieren im Detail, aber machen deutlich: Man tut den Flüchtlingen keinen Gefallen damit, immer wieder den ankommenden syrischen Arzt zu beschwören; diese Erwartungshaltung werden sie nicht annähernd erfüllen können. Wissenschaftler des Münchner ifo-Instituts schätzen, dass rund zwei Drittel der Flüchtlinge keinen berufsqualifizierenden Abschluss haben. Und laut einer internen Präsentation der Bundesarbeitsagentur besitzen sogar rund 80 Prozent keinerlei formale Qualifikation.

Genau die sei aber gar nicht entscheidend, meint RWI-Vizepräsident Bauer. "Formale Qualifikationen sind weitgehend irrelevant, die Fähigkeiten müssen passen." Die entscheidende Frage sei: Können die Flüchtlinge ihr gesammeltes Wissen in einen deutschen Job transferieren? "Im Zweifel wird das einem Kfz-Mechaniker leichter fallen als einem Rechtsanwalt", so Bauer. Der Mechaniker müsse sich nur an andere Autos und Werkzeuge gewöhnen – der Rechtsanwalt an ein komplett neues Justizsystem.