ZEIT ONLINE: Herr Tubbax, Sie sind seit mehr als 40 Jahren in der belgischen Anti-Atom-Bewegung aktiv – über die aktuellen Störfälle in Tihange und Doel scheint sich in Ihrem Land niemand aufzuregen. Woher kommt die Coolness?

Léo Tubbax: Die Ruhe ist nur oberflächlich. Wir haben viel Sympathie für unseren Protest gegen die erneute Inbetriebnahme von Tihange 2 und Doel 3 erfahren. Die Bevölkerung war mit dem ursprünglich beschlossenen Atomausstieg einverstanden; die Mehrheit will mehr erneuerbare Energien. Es gibt Widerstand, aber er zeigt sich im Moment weder im Parlament noch auf der Straße.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Tubbax: Die Abgeordneten hatten gar keine Gelegenheit, sich zur Wiederinbetriebnahme von Tihange 2 und Doel 3 zu äußern. Die Entscheidung wurde einfach außerhalb des Parlaments getroffen. Und die gesellschaftlichen Bewegungen haben es schwer, ihren Protest auf die Straße zu bringen: Wegen der Anschläge in Paris und der jüngsten Terrorwarnungen, zum Beispiel in Brüssel an Silvester, ist sehr viel Polizei unterwegs. Das macht öffentliche Protestkundgebungen schwierig.

ZEIT ONLINE: Wie stark ist die Anti-Atom-Bewegung in Belgien überhaupt?

Tubbax: Wir haben einen Fehler gemacht: Als unsere Regierung im Jahr 2003 den Atomausstieg beschloss, dachten wir, das Problem sei gelöst. Die Bewegung hat sich zurückgezogen. In Deutschland hingegen hielten die Proteste an, weil Kanzlerin Merkel zu Beginn ihres Mandats ganz klar pro Kernkraft war.

ZEIT ONLINE: Drei Reaktoren sollten eigentlich im Jahr 2015 abgeschaltet werden: Tihange 1, Doel 1 und Doel 2. Stattdessen hat die aktuelle Regierung unter Charles Michel die Laufzeit bis 2025 verlängert. Tihange 2 sowie Doel 3, die lange wegen Sicherheitsbedenken abgeschaltet waren, wurden wieder in Betrieb genommen. Warum schafft Belgien den Umstieg auf die Erneuerbaren nicht?

Tubbax: Die Energieversorgung Belgiens hängt an dem Energiekonzern Electrabel – und das Unternehmen hat seit der Entscheidung zum Atomausstieg im Jahr 20003 viel zu wenig in Wind oder Sonne investiert. Jeder Tag, an dem die Kernreaktoren laufen, bedeutet für Electrabel Millionengewinne, auf die kaum Steuern gezahlt werden müssen. Früher hat das Unternehmen wenigstens darauf geachtet, die Kernkraftwerke möglichst sicher zu betreiben, sie wollten jedes Risiko vermeiden. Man hat präventiv investiert, alte Teile ausgetauscht, bevor sie kaputt gingen. Heute aber lässt man Transformatoren wichtiger Unterteile so lange laufen, bis man die Schäden nur noch während eines Notstopps reparieren kann. Dabei birgt es ein enormes Risiko, Kernkraftwerke ständig hinunter- und dann wieder hochzufahren.

ZEIT ONLINE: Und die belgische Regierung?

Tubbax: Sie unterstützt Electrabel auch noch. Premier Charles Michel und seine Minister betreiben eine antisoziale, kapitalistische Pro-Atom-Politik.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Tubbax: Die Regierung fördert die großen Industrien wie etwa die Unternehmen im Hafen von Antwerpen, die viel Energie benötigen. Eine bürgernahe, dezentrale Energieversorgung oder Energiesparen interessiert sie nicht. Ich war Mitte Dezember im Innenministerium, um dem Minister 16670.000 Unterschriften gegen die Wiederinbetriebnahme von Tihange 2 und Doel 3 zu überreichen. Er hat uns nicht einmal empfangen. Ein Mitarbeiter nahm die Petition entgegen, wir haben bis heute keine Reaktion erhalten.

ZEIT ONLINE: Wenn schon die Zentralregierung es nicht tut, dann könnten doch wenigstens die Regionen Sonne- und Windenergie stärker fördern.

Tubbax: Das geht nur sehr begrenzt. Über die Energiepolitik entscheidet in Belgien die Zentralregierung.

ZEIT ONLINE: Welche Möglichkeiten hat die Anti-AKW-Bewegung da noch?

Tubbax: Wir werden gegen die erneute Inbetriebnahme Tihange 2 und Doel 3 klagen. Davon erhoffen wir uns einen Durchbruch. Und wir bekommen für unser Vorhaben sehr viel Unterstützung aus der Bevölkerung.