Die Grünen erhöhen mit einem neuen Gutachten den Druck auf Belgien, die zwei jüngst wieder angefahrenen umstrittenen Atommeiler in Doel und Tihange endgültig stillzulegen. Die Materialfehler der Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 hätten sich nach neuen Erkenntnissen während des Betriebs gebildet oder zumindest vergrößert, heißt es in der am Donnerstag in Brüssel vorgestellten Studie.

Da ein weiteres Wachstum der Defekte nicht ausgeschlossen werden könne, sei die Erlaubnis zum Wiederanfahren durch die belgische Atomaufsicht AFCN nicht nachvollziehbar, folgert das Gutachten der Materialwissenschaftlerin Ilse Tweer, das diese im Auftrag der Grünen-Fraktion im Europaparlament erstellt hat. Tweer wirft der belgischen Atomaufsicht und Betreiber Electrabel zudem verschiedene nicht nachvollziehbare Beurteilungen vor. Sie hatte den Betrieb von Doel 3 und Tihange 2 schon in der Vergangenheit kritisiert.

Die Defekte in den Wänden der Reaktorbehälter, die die AFCN als "Wasserstoff-Flocken" beschreibt, waren 2012 entdeckt worden. Nach verschiedenen Tests gab die AFCN aber Ende 2015 grünes Licht und die Reaktoren wurden wieder angefahren. Belgiens Atomaufsicht geht davon aus, dass die Materialfehler schon beim Bau der Reaktoren vor mehr als drei Jahrzehnten entstanden sind und die Sicherheit nicht beeinträchtigen.

Die Grünen wollen das neue Gutachten nun der Bundesregierung und den anderen Nachbarn Niederlande, Luxemburg und Frankreich zukommen lassen, um den politischen Druck zu erhöhen, wie Fraktionschefin Rebecca Harms auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Tweer ankündigte. Es sei im Lichte der Erkenntnisse "unverantwortlich", die Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen, sagte Harms.

Erst Anfang der Woche hatte das Bundesumweltministerium der AFCN kritische Fragen übermittelt. Nach Einschätzung von Experten stellten die Defekte "eine signifikante Abweichung von der geforderten Fertigungsqualität dar", erklärte das Ministerium. Aus deutscher Sicht sei deshalb "fraglich, inwieweit das mit den grundlegenden Sicherheitsanforderungen an Atomkraftwerke vereinbar ist".

Auf deutscher Seite waren bereits zuvor vor allem aus Nordrhein-Westfalen Proteste gegen das Wiederanfahren laut geworden. Doel ist rund 150 Kilometer, Tihange etwa 70 Kilometer von der Grenze entfernt. Belgien verfügt in Doel und Tihange über insgesamt sieben Reaktoren. Spätestens 2025 sollen im Zuge des Atomausstiegs sämtliche Meiler abgeschaltet sein.