"Was ist eine Blase?", fragte Chinas Regierungszeitung People's Daily im vergangenen April – und gab sogleich selbst die Antwort. "Tulpen und Bitcoins sind Blasen", Aktien seien dagegen "der Überbringer des chinesischen Traums" und böten "gewaltige Investitionschancen".

Verheißungen wie diese haben geschätzte 100 Millionen Chinesen zu Aktienbesitzern gemacht. Doch seit einigen Monaten erleben sie einen Crash auf Raten. Am Donnerstag hatten die Börsen in Shanghai und Shenzhen kaum eröffnet, da wurden sie schon wieder geschlossen. Zum zweiten Mal in diesem noch jungen Jahr. Der Handel währte gerade mal 30 Minuten, da waren die Kurse schon um sieben Prozent gefallen. Genug, um den Deutschen Aktienindex (Dax) sowie andere Börsen weltweit mit nach unten zu reißen. Der Preis für Rohöl, dessen größter Importeur China ist, stürzte gar auf ein Elf-Jahres-Tief.

15 Minuten Unterbrechung bei mehr als fünf Prozent Minus, vollständiger Handelsabbruch bei über sieben Prozent. Mit diesen neuen Schutzmechanismen wollten Chinas Behörden den Ausverkauf am Aktienmarkt bremsen und die oft unerfahrenen Anleger beruhigen. Tatsächlich bewirkt die Notbremse aber das Gegenteil: In Panik, ihre Papiere nicht mehr rechtzeitig loszuwerden, verramschen die Investoren sie nun um fast jeden Preis. Sie vertrauen dem Staat nicht mehr, der diese Blase mit erschaffen hat. Und der es nun nicht schafft, den Verfall der aufgepumpten Kurse in geordnete Bahnen zu lenken.

Am Donnerstag nun die Kehrtwende:

Die Führung in Peking propagierte bis ins vergangene Frühjahr hinein einen Aktienboom. Chinas neue Mittelschicht, so lautete ihr Kalkül, sollte ihr Erspartes den Unternehmen zur Verfügung stellen, gleichzeitig dabei reich werden und so die schon damals schwächelnde Konjunktur stützen. Hausfrauen, Teenager, Rentner kauften, oftmals auf Pump und die Kurse schossen nach oben: vom Juli 2014 bis Juli 2015 um 135 Prozent in Shanghai und 150 Prozent in Shenzhen. Dann ging es plötzlich abwärts.

Handelsstopps, Zinssenkungen, Stützungskäufe, Verkaufseinschränkungen: Alle möglichen Eingriffe hat Chinas Führung seither ausprobiert. Das unberechenbare Vorgehen verunsichert die Anleger aber nur noch mehr. Zumal Kurse noch immer sehr hoch sind: Das durchschnittliche Verhältnis von Börsenbewertung zu Jahresgewinn eines Unternehmens liegt an der Börse in Shenzen bei fast 45:1, mehr als dreimal so hoch wie etwa beim Dax. "Chinas Börsen sind selbst für Spekulanten zu gefährlich", sagt Sebastian Heilmann, Direktor des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. "Die Bemühungen der Regierung, die Börse regulatorisch und mit Hilfe gewaltiger Finanzspritzen in den Griff zu bekommen, sind gescheitert."

Wenig glaubwürdige Wachstumszahlen

Hinzu kommt, dass niemand wirklich weiß, wie es Chinas Wirtschaft wirklich geht. Wenn überhaupt, so wissen das nur die Granden der Kommunistischen Partei. Und die verkünden noch immer Wachstumsraten von um die sieben Prozent, einen Wert, den sie schon seit Jahren vorgeben. Demnach wäre Chinas Wirtschaft ein langer, ruhiger Fluss: Seit 2012 steht zuverlässig die Sieben vor dem Komma – Quartal für Quartal. Wie das nationale Statistikbüro auf diesen Wert kommt, ist nebulös. Es gebe keine Transparenz, bemängeln kritische Ökonomen wie Carsten Holz, Professor an der Hong Kong University of Science and Technology. "Die reale Wachstumsrate kenne niemand."

Nicht einmal Chinas Spitzenpolitiker trauen ihren Zahlen. "Hausgemacht" und unzuverlässig seien die Daten, klagte der Provinzgouverneur Li Keqiang 2007 laut US-Diplomatenberichten, welche die Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlichte. Einen zuverlässigeren Anhaltspunkt für die echte Wirtschaftsentwicklung böten andere Werte wie etwa der Stromverbrauch.

Heute ist Li Premierminister der Volksrepublik und gibt selbst die sieben Prozent Wachstum vor. Chinas Stromverbrauch von Januar bis November 2015 indes lag nur 0,6 Prozent höher als im Jahr zuvor.

Das wahre Ausmaß über die Schwäche der chinesischen Wirtschaft will die Regierung nicht publik machen. Basiert ihr Machtmonopol doch auf Wachstum und Wohlstand "Warum unterstützt uns das Volk? Weil sich die Wirtschaft entwickelt hat", hat einst Deng Xioaping gesagt, der Vater von Chinas wirtschaftlicher Öffnung. Zuwachsraten von vier bis fünf Prozent oder vielleicht gar nur zwei bis drei Prozent seien "nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern auch ein politisches", warnte Deng damals.

Zurzeit ist die Macht der KP noch unangetastet. Außerdem verfügt der Staat über Finanzreserven in Höhe von mehr als 3.300 Milliarden Dollar. Genug, um die Folgen jedes noch so schlimmen Aktiencrashs zu kitten. Chinas Führung könnte es sich also erlauben, eine deutliche Abwertung der Börsenkurse zuzulassen. Es wäre ein erster Schritt zu mehr Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Bürgern und Investoren aus der ganzen Welt. Das würde vielen Kleinanlegern in China wehtun. Aber die einzige Alternative wären immer neue, erratische Eingriffe an der Börse, die am Ende noch mehr Vertrauen zerstören. Und Vertrauen ist die wichtigste Währung für Chinas Führung.

Am Donnerstag Nachmittag folgte übrigens offenbar schon wieder die nächste Kehrtwende: Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, haben Chinas Finanzaufseher die gerade eingeführten Schutzmechanismen schon wieder außer Kraft gesetzt.