Chinas Wirtschaftswachstum ist im vergangenen Jahr so wenig gewachsen wie schon seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr: um 6,9 Prozent. Im vierten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt nur um 1,6 Prozent, wie das Statistikamt in Peking mitteilte – so wenig, wie seit der globalen Finanzkrise von 2008 nicht mehr.

Experten befürchten, dass Chinas Wirtschaft an Fahrt verliert und damit die Weltkonjunktur bremst. Dem Exportweltmeister machen schwächelnde Auslandsgeschäfte, Überkapazitäten in der Industrie und ein abklingender Immobilienmarkt zu schaffen. Dies drückt auch auf die Investitionen. Auch der Kampf der Regierung gegen die weit verbreitete Korruption wirkt sich aus. Weil die chinesischen Löhne steigen, können sich andere Billiglohnländer gegen China am Weltmarkt durchsetzen.

Deutsche Exporteure betroffen

Die Konjunkturschwäche der zweitgrößten Volkswirtschaft trifft auch deutsche Exporteure vor allem in der Automobil- und Maschinenbaubranche, die erstmals seit 18 Jahren weniger nach China ausführen. China ist für Deutschland der viertwichtigste Handelspartner nach den USA, Großbritannien und Frankreich. Schlimmstenfalls könnte die sinkende Nachfrage in Deutschland zu Entlassungen, mehr Arbeitslosen, niedrigeren Steuereinnahmen und sinkendem Konsum führen.

Zwar liegt der Zuwachs im Zielrahmen der Regierung, die "rund sieben Prozent" angepeilt hatte, und trifft exakt die Erwartungen von Experten. Doch bleibt die Regierung in Peking unter Druck, die Konjunktur mit weiteren Maßnahmen zu stützen. Darauf deuteten auch enttäuschende Dezember-Daten von der Industrieproduktion und dem Einzelhandel hin. An den Börsen in Fernost sorgten die BIP-Zahlen für eine Erholung und etwas Erleichterung, sodass die Abkühlung der Konjunktur in China nicht noch stärker ausfiel.

Bei den Strukturreformen hakt es

Nach jahrzehntelangem Boom mit teils zweistelligen Zuwachsraten will die Regierung das exportlastige Wirtschaftsmodell stärker auf die Binnenkonjunktur ausrichten und den privaten Konsum ankurbeln. Dafür nimmt sie auch ein geringeres Wachstum in Kauf. Doch beim Umbau hakt es. Dies schürte zuletzt Sorgen, dass China als Schrittmacher für die Weltkonjunktur stärker aus dem Tritt kommen könnte und führte zu Turbulenzen an den Börsen rund um den Globus. Das für westliche Verhältnisse hoch anmutende Wachstum ist für die Regierung ein Minimum, um genügend Arbeitsplätze in dem Milliardenvolk zu schaffen und soziale Unruhen zu vermeiden.

Die Wirtschaft bekomme weiterhin das schwierige internationale Umfeld zu spüren, erklärte das Statistikamt. Zudem seien die heimischen Strukturreformen in einer entscheidenden Phase. Dies belegten auch die Daten von der Industrieproduktion und vom Einzelhandel. Die Fabriken steigerten ihren Ausstoß im Dezember um 5,9 Prozent. Das Plus fiel damit etwas schwächer aus als die Expertenprognose von 6,0 Prozent und schwächte sich im Vergleich zu den 6,2 Prozent im November ab. Der Einzelhandelsumsatz legte binnen Jahresfrist mit 11,1 Prozent ebenfalls etwas schwächer zu als erwartet.

Analysten zufolge könnten die BIP-Daten zunächst für etwas Beruhigung sorgen. Die größten Ängste um die chinesische Wirtschaft, die in den jüngsten Börsenturbulenzen zum Vorschein gekommen sind, seien wohl übertrieben, sagte Volkswirt Louis Kuijs vom Analysehaus Oxford Economics. "Wir sehen keine Anzeichen für eine abrupte Abkühlung." Die Kurse an den Börsen in Asien legten zu. Die Anleger seien erleichtert, dass es keine böse Überraschung gegeben habe, sagten Experten.

Langsameres Wachstum als neue Normalität

Trotz des geringeren Wachstums und der Turbulenzen an Chinas Börsen hält Chinas Staats- und Parteichef die langfristigen Grundlagen der chinesischen Wirtschaft für tragfähig. In der "neuen Normalität" verlangsame sich das Wachstum, sodass die Wirtschaft strukturell angepasst und die Triebkräfte verlagert werden müssten, sagte Xi Jinping auf einem Treffen mit Ministern und Provinzführern. Chinas Wirtschaft müsse sich stärker auf heimischen Konsum, den Dienstleistungssektor und Innovation stützen, sagte Xi Jinping in seinen Ausführungen, die parallel zu den neuen Zahlen in den Staatsmedien verbreitet wurden.

Das Wachstum müsse kurzfristig "stabilisiert" werden, während die langfristige Entwicklung geplant und zwischen den verschiedenen Regionen koordiniert werden müsse. Es sei "entscheidend", die Überkapazitäten abzubauen, sagte Xi Jinping, der sich persönlich um die Steuerung der Wirtschaft kümmert, die seine Vorgänger jeweils dem Ministerpräsidenten überlassen hatten. Die Industrie müsse umstrukturiert, die Kosten der Unternehmen reduziert, aufstrebende Industrien und der moderne Dienstleistungssektor entwickelt werden, forderte Xi Jinping ferner.

Weiterer Rückgang erwartet

In diesem Jahr wird ein weiterer Rückgang des Wachstums erwartet. Export und Infrastrukturinvestitionen tragen weniger als bisher zum Wachstum bei. Die Weltbank rechnet 2016 nur mit 6,7 Prozent Wachstum in China. Mit dem neuen Fünf-Jahres-Plan, der im März vom Volkskongress gebilligt wird, strebt Chinas Führung durchschnittlich 6,5 Prozent in den nächsten fünf Jahren an.

Doch ziehen viele Experten die amtlichen Zahlen ohnehin in Zweifel und gehen, gemessen an Frachtvolumen oder Energieverbrauch, von einem tatsächlichen Wachstum von lediglich vier bis sechs Prozent aus. Die schlechteren Konjunkturaussichten für China, das bisher rund ein Drittel zum globalen Wachstum beitrug, haben in den vergangenen Wochen zu heftigen Turbulenzen an den internationalen Aktienmärkten geführt. Auch die anhaltenden Kursrutsche an Chinas Börsen seit dem Ende des Aktienbooms im vergangenen Jahr sorgten für Unruhe.