Mehr europäische Solidarität und mehr Wachstum, eine gemeinsame Lösung in der Flüchtlingskrise und Großbritannien muss in der Europäischen Union bleiben: Europa ist sich in den großen Fragen weitgehend einig. Oder zumindest sind es die vier Spitzenpolitiker, die am Donnerstag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos über Europa diskutierten. "Wir brauchen mehr und nicht weniger Europa", sagt etwa der französische Premier Manuel Valls. "Nationale Egoismen müssen wir hinter uns lassen."

Sein Amtskollege aus den Niederlanden, Mark Rutte, erhöht zugleich den Druck. Im Frühling würden die Flüchtlingszahlen wieder steigen. Es blieben "sechs bis acht Wochen", um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen, sagt er.

Wenn es doch nur so einfach wäre. Denn die Flüchtlingskrise entlarvt einmal mehr den typischen Krisenmodus der EU: Die EU-Mitgliedsländer handeln in Krisensituationen erst dann, wenn fast nichts mehr geht. Selbst dann wird meist nur das unbedingt Notwendige unternommen, um den Zusammenbruch der Gemeinschaft zu verhindern. Besonders augenscheinlich war dies in fünf Jahren Eurokrise.

In der Flüchtlingskrise ist es nicht anders. Wie eine konkrete Lösung auf europäischer Ebene aussehen soll, dazu wagt keiner eine klare Aussage – weder die Regierungschefs aus Frankreich und den Niederlanden, noch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble oder Griechenlands Premier Alexis Tsipras. Nur so viel: Es müsse ein europäischer Verteilungsschlüssel für die Flüchtlinge her und die Außengrenzen sollten besser gesichert werden. "Dublin funktioniert nicht mehr", sagt Rutte. Aber hat das Abkommen, das EU-Staaten mit Außengrenzen verpflichtet, Flüchtlinge zu registrieren und über Asylanträge zu entscheiden, wirklich jemals funktioniert?

Eigentlich müsste dies die Stunde von Tsipras sein

Die Brisanz der Lage ist allen bewusst: Die EU könne gestärkt aus dieser Krise hervorgehen, aber auch "ganz schnell sterben", sagt Valls. Eigentlich müsste dies die Stunde von Alexis Tsipras sein. Noch vor einem Jahr hatte er schließlich die Wahlen mit der Forderung nach einem anderen Europa und einer anderen Art des Regierens gewonnen. Sein Land steht im Mittelpunkt der Flüchtlingskrise. Doch inzwischen hat Tsipras den größten Teil seines Verves verloren. Ein anderes Europa? Nein, nur die Renten sollten in Griechenland bitte nicht noch einmal gekürzt werden. Es ist wie immer: Am Ende sind für Fortschritte in Europa die nationalen Interessen entscheidend. Nur deswegen hat Tsipras letztlich akzeptiert, dass die europäische Grenzagentur Frontex Athen dabei hilft, die griechischen Außengrenzen besser zu sichern.

Was also tun, wenn nur noch wenige Wochen Zeit bleiben, wie Rutte meint? Wahrscheinlich ist, dass die EU am Ende wieder nur den kleinsten, gemeinsamen Nenner findet. Das mag die akute Krise mildern, aber nicht grundsätzlich lösen. Schäuble schlägt einen pragmatischen Weg vor, eine Koalition der Willigen. Einige Staaten schließen sich zusammen und preschen voran. Der Finanzminister zeigt sogar Bereitschaft, dass Deutschland sich stärker engagiere als die anderen. "Unser finanzieller Spielraum ist im Moment größer", sagt er.

Woher kommen die Milliarden?

Allen ist klar, dass Milliarden investiert werden müssten, um die kriegszerstörten Regionen wieder aufzubauen, um die Türkei und andere Nachbarländer Syriens zu unterstützen. Woher aber das Geld kommen soll, ist unklar. Schon jetzt bereitet es enorme Probleme, die versprochenen 3,5 Milliarden Euro für die Türkei zusammenzubringen.

Europa sei "sehr komplex" und bewege sich "sehr langsam", sagt Schäuble. Die Flüchtlingskrise dagegen verlangt genau das Gegenteil: klare Entscheidungen, schnelles Handeln. Und so bleibt es wohl vorerst beim europäischen Krisen-Klein-Klein. Die Populisten am rechten und linken Rand wird es freuen.