Vor ein paar Monaten noch war Donald Trump ein Politik-Clown, der wie Eiscreme und Grillfeste mit dem Ende des Sommers verschwinden würde. So wurden die Präsidentschaftsambitionen des New Yorker Milliardärs von den selbst erklärten Meinungsmachern in Zeitungskolumnen im In- und Ausland abgeschrieben. Auf Twitter und auf Partys gehörte es zum guten Ton aufgeklärter Amerikaner, sich peinlich berührt vom "Trumpism" ihrer Landsleute zu distanzieren. 

Und selbst jetzt, wo der Populist mit seinen Hasstiraden  immer näher an die tatsächliche Macht gerückt ist, scheint die urbane Elite unwillig zu sein, auf die Gründe für Trumps spektakulären Erfolg einzugehen. Nachdem Sarah Palin – Trumps Vorläuferin und weibliche Entsprechung – öffentlich Trumps Kandidatur unterstützte, spottete Andy Borowitz, Parodist der Intellektuellenpostille The New Yorker: "Dank Palins Wahlempfehlung kann Trump seinen Vorsprung unter Idioten ausbauen."

Doch Trumps Anhänger als dumpfe Toren abzuschreiben, ist nicht nur zu einfach, sondern auch gefährlich. Trump, wie Alaskas Ex-Gouverneurin Palin vor ihm, reitet eine Welle der Wut, die sich seit Langem angestaut hat. Er spricht diejenigen an, die sich von dem neuen Amerika, das nach der Finanzkrise und Rezession entstanden ist, abgehängt und vergessen fühlen. Das erklärt, warum der Immobilienmogul und Reality-TV-Star ausgerechnet in West Virginia beliebt ist. In dem Bundesstaat regiert King Coal: Die Kohleminen haben dort Generationen beschäftigt.

Doch die USA wenden sich von der Kohle ab. Stromkonzerne stellen auf Erdgas um. Das ist billiger, seit durch neue Fördermethoden wie Fracking Schiefergasvorkommen angezapft werden. Die Regierung fördert den Trend, die Abkehr von Kohle als Brennstoff ist Teil von Präsident Obamas Umweltpolitik. 40 Prozent der 523 US-Kohlekraftwerke sind bereits zur Schließung vorgesehen. Neue Auflagen machen den Neubau von Kohlekraftwerken wirtschaftlich unattraktiv. Im August 2015 hat Alpha Resources, bis dahin der zweitgrößte US-Kohleproduzent, Insolvenz angemeldet. Peabody Energy, die Nummer eins, kämpft mit Verlusten. In den Kohleregionen hat das natürlich Folgen: Gut bezahlte Jobs verschwinden. Die Betroffenen haben den Schuldigen ausgemacht: "Obama führt Krieg gegen uns" steht auf Plakaten, die in vielen Vorgärten dort stehen.  

Früher Demokrat, jetzt Trump-Fan

Trumps Anhänger stammen vorwiegend aus der Arbeiterschicht. Einst wählten sie die Demokraten, heute identifizieren sie sich mit den Republikanern, so eine Analyse der Wahlforschungsfirma Civis Analytics für die New York Times. Sie fühlen sich verprellt durch die liberale Einwanderungspolitik und die Freihandelsagenda, für welche die Demokratische Partei inzwischen steht. Es ist kein Zufall, dass Vorstandsgrößen wie Sheryl Sandberg von Facebook und Eric Schmidt von Alphabet (die Google-Holding) zu den Unterstützern von Hillary Clinton zählen. Silicon Valley ist darauf angewiesen, Programmierer aus dem Ausland anzuziehen. Immigranten und Freihandel haben zum Wachstum der US-Wirtschaft beigetragen.

Doch von den Früchten dieses Wachstum findet sich nicht viel in West Virginia, im armen Süden oder im ehemaligen Industriegürtel des Nordens. Für die untere Mittelschicht dort hat sich die Lage verschlechtert. Und eine Besserung ist nicht in Sicht. Eine Studie des Economic Policy Institute in Washington belegt, dass die Vergütung normaler Arbeitnehmer seit den 70er Jahren deutlich hinter dem Produktivitätswachstum zurückgeblieben ist. Der größte Teil der Gewinne, vor allem in den USA, floss an die Einkommensspitze.