Die Wirtschaftskrise scheint endlich vorbei: "Stark" und "robust" betitelten die deutschen Medien in der vergangenen Woche den Zuwachs des deutschen Bruttoinlandsprodukts 2015. Mit 1,7 Prozent im Jahresvergleich war die Wirtschaftsleistung immerhin so schnell gewachsen wie seit 2011 nicht mehr. Auch aus den anderen Euroländern kommen positive Signale: Die Wirtschaft des Währungsraums dürfte im vergangenen Jahr zwar nicht ganz so schnell gewachsen sein wie die deutsche, aber auch so schnell wie seit rund einem halben Jahrzehnt nicht. Damit nicht genug: Europäische Zentralbank und EU-Kommission rechnen für 2016 noch einmal mit einer spürbaren Wachstumsbeschleunigung. Und allerorts fällt die Arbeitslosigkeit.

Was bei den – nun positiven – Zahlen gerne untergeht: Es geht den Menschen in Europa vielerorts immer noch schlechter als vor Beginn der Finanz- und Eurokrise. Von den Eurokrisenländern hat bislang einzig Irland das Vor-Krisenniveau des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2007 wieder erreicht. Im Währungsraum insgesamt liegt die Wirtschaftsleistung weniger als zwei Prozent über dem Niveau vor der Pleite des Bankhauses Lehman Brothers – ein Jahrzehnt mit solch schwachem Wirtschaftswachstum hat es in Europa seit den Verheerungen des zweiten Weltkriegs nicht gegeben.

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Da dabei außerdem der Durchschnitt der Eurozone von dem recht erfolgreichen Deutschland nach oben gezogen wird, versteckt sich hinter dieser Betrachtung, dass es vielerorts weit dramatischer aussieht. Selbst wenn die Wirtschaft in den Krisenländern 2016 tatsächlich so robust wächst wie von der EU-Kommission vorhergesagt und sich dieses Wachstum danach ungebremst fortsetzt, liegt in vielen Ländern das Einkommensniveau von 2007 oder 2008 noch Jahre entfernt.


Am schlimmsten sieht es dabei – wenig überraschend – in Griechenland aus: Selbst wenn die griechische Wirtschaft ab diesem Jahr jährlich um robuste 2,5 Prozent zulegt, wird es noch bis 2030 dauern, bis die Wirtschaftsleistung von 2007 wieder erreicht ist – das Land hat also de facto ein Vierteljahrhundert wirtschaftlicher Entwicklung verloren.

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Dagegen hat es Italien fast schon gut getroffen: Bei ungebremstem Wachstum könnte 2021 das Vorkrisenniveau beim BIP wieder erreicht werden. Zypern könnte den Kriseneinbruch bis 2023 aufholen, Portugal bis 2019 und die gerne als Wachstumsstars gefeierten Länder Spanien und Lettland immerhin bis Ende 2017. Alles wohlgemerkt unter der Annahme, dass keine neue Wachstumsabschwächung oder gar Rezession dazwischenkommt.

Betrachtet man auch noch soziale Aspekte, sieht es in vielen Ländern noch kritischer aus. Viel drängender als die schwache Wirtschaftsleistung ist nämlich vielerorts die Arbeitslosigkeit, besonders unter jungen Menschen. Sowohl in Griechenland wie in Spanien ist immer noch fast ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos. Hier wächst eine verlorene Generation heran.

Nur: Die Arbeitslosigkeit geht vielerorts langsamer zurück, als sich die Wirtschaft erholt – obwohl in den vergangenen Jahren schon Millionen Menschen aus den Krisenländern abgewandert sind, was die Arbeitsmärkte dort bereits entlastet hat. Fallen die Arbeitslosenquoten ab 2016 mit dem gleichen (hohen) Tempo weiter wie im vergangenen Jahr, dann kann einzig Irland mit einer wirklich absehbaren Rückkehr der Arbeitslosigkeit auf Vorkrisenniveau rechnen – möglicherweise schon im übernächsten Jahr.

Für Portugal und Italien wäre das Vorkrisenniveau bei der Arbeitslosigkeit erst Ende 2019 erreichbar, für Spanien gar erst 2021 – fast 15 Jahre nach Krisenbeginn.

Und selbst dann dürfte die "verlorene Generation" noch die Spätfolgen spüren: Wer das erste Drittel seines Erwerbslebens arbeitslos war, wird kaum danach noch eine vollwertige Karriere machen können. Die Narben der Eurokrise werden also noch Jahrzehnte sichtbar bleiben.