Ethischer Konsum ist im Trend, vegetarische oder vegane Ernährung auch. Viele Deutsche essen weniger Fleisch, und eine steigende Anzahl ist bereit, mehr Geld für fair oder bio erzeugte Würste auszugeben. Seit Jahren geht der Fleischverzehr pro Kopf in Deutschland leicht zurück.

Dennoch haben die großen deutschen Mastbetriebe hohe Beträge investiert, um ihre Produktion auszuweiten. Der Überschuss geht in den Export. Das zeigt der neue Fleischatlas von Heinrich-Böll-Stiftung und BUND, pünktlich veröffentlicht zur Grünen Woche, die in wenigen Tagen beginnt.

Zwar probierten immer mehr Verbraucher, Köche und Landwirte neue Wege zur Nachhaltigkeit aus, schreiben Barbara Unmüßig, Chefin der Böll-Stiftung, und BUND-Chef Hubert Weiger im Vorwort des Fleischatlas. Die Leute gründeten Produktionsgemeinschaften, kauften regional, kümmerten sich um den Erhalt alter Rassen und setzten sich zum Ziel, möglichst viele Teile vom Tier zu verwerten. 

Ganz im Gegensatz dazu stehe aber die Politik der Bundesregierung, die zusammen mit der Fleischindustrie "auf eine Ausweitung der Fleischproduktion und eine immer stärkere Exportorientierung" setze.

Als Beleg stellt der Fleischatlas Zahlen zusammen, und die sind tatsächlich beeindruckend: Seit 2012 wurden in Deutschland mindestens 420.000 neue Stallplätze für Mastschweine geschaffen und 6,65 Millionen für Mastgeflügel, vor allem für Hähnchen. Es sind Mindestzahlen, weil offenbar nicht jedes Bundesland die Statistiken veröffentlicht. Sie stehen stellvertretend für den Industrialisierungstrend in der ganzen Branche und für den hohen wirtschaftlichen Druck, der auf den Bauern lastet.

Wer nicht investiert, geht unter

Denn die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors schwindet. Zu stark ist die ausländische Konkurrenz, zu niedrig sind die auf dem Massenmarkt durchsetzbaren Preise. Dem Fleischatlas zufolge machen Landwirtschaft, Fischerei und Forsten in Deutschland mittlerweile weniger als ein Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus. Den größten Anteil daran schaffen noch Milchviehhaltung und Tierzucht. 

Die meisten Betriebe sind zwar noch in Familienhand – doch mit dem althergebrachten Bauernhof haben sie nichts mehr gemein. "Bauernhöfe, auf denen mehrere Tierarten gehalten werden, werden immer mehr zur Ausnahme", schreiben die Autoren des Atlas. Viehhaltung erfordere heutzutage hohe Investitionen in Maschinen und Ställe. "Nur so sehen viele Familienbetriebe eine Möglichkeit, ihre Produktion fortzuführen. Dies führt dazu, dass Betriebe, die sich das nicht leisten können, ausscheiden." Die Zahl der Hühnermastbetriebe sei seit 1994 um 95 Prozent gesunken, die Zahl der Schweinemastbetriebe um 90 Prozent – bei insgesamt steigender Produktion.

Vor allem die Erzeugung von Schweine- und Hühnerfleisch nimmt zu (siehe Grafik). Die Hähnchenproduktion hat sich seit 1994 sogar fast verdreifacht: von 342.000 auf 972.000 Tonnen. Die meisten Großmastbetriebe stehen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Den Autoren des Fleischatlas kann die zunehmende Konzentration und Mechanisierung nicht gefallen: Als Umweltschutzorganisation und den Grünen nahestehende Stiftung stehen sie für ein völlig anderes Landwirtschaftsmodell: ökologisch, regional, mit eher kleinen Höfen.

Den größten Teil ihres Atlas verwenden sie deshalb darauf, aufzuzeigen, was aus ihrer Sicht schiefläuft, in ganz Deutschland und in jedem einzelnen Bundesland. Sie kritisieren die schlechten Arbeitsbedingungen in den Schlachtereien, die unter einem ebenso großen wirtschaftlichen Druck stehen wie die Bauern. Sie bemängeln den großflächigen Einsatz von Glyphosat ebenso wie den Trend zu immer effizienterer Tierhaltung, die für die Schweine oder Hühner zuweilen qualvoll ist. Etwa in der Ferkelzucht, wo die Muttersauen Monate in engen Käfigen zubringen, die ihnen kaum Bewegungsspielraum lassen.

Ein paar positive Beispiele bringen sie dann aber doch. Aus Baden-Württemberg zum Beispiel, wo viele Bauern "besonders hochwertige regionale tierische Erzeugnisse" vermarkten, ob Fleisch, Milch oder Honig. Aus dem Saarland, wo kleine Höfe immer noch dominieren, und aus den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen, die für Biobauern ein vielversprechender Markt seien.

Während der Grünen Woche wollen Böll-Stiftung und BUND für ihre Idee von einer nachhaltigeren Landwirtschaft werben und in Berlin unter dem Motto "Wir haben es satt!" demonstrieren. Unter den deutschen Konsumenten jedenfalls treffen sie einen Nerv: Im vergangenen Jahr gingen unter dem gleichen Leitspruch Zehntausende auf die Straße.

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