Flüchtlinge warten an der Grenze zu Griechenland nahe der mazedonischen Stadt Gevgelija (Archiv). © Robert Atanasovski/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Ferguson, können Sie die Politik von Angela Merkel verstehen?

Niall Ferguson: Als Historiker will ich immer alles verstehen. Und deshalb würde ich natürlich gerne wissen, warum Angela Merkel in der Flüchtlingskrise gewisse Dinge getan hat. Wenn das Ziel war, ihr internationales Image nach der harten Kritik in der Griechenland-Krise zu verbessern, dann ist ihr das gelungen. Sie war auf dem Time-Cover und die Financial Times hat sie zur Person des Jahres gekürt.

ZEIT ONLINE: Vielleicht war es einfach ein notwendiger humanitärer Akt, Deutschlands Grenzen in einer so großen Krise zu öffnen?

Ferguson: Das kann sein. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sich Merkel keine Gedanken über die Risiken ihrer Entscheidung gemacht hat.

ZEIT ONLINE: Sie halten die Öffnung für einen Fehler?

Ferguson: Ja, sie war falsch. Wenn sich solch große Menschenmengen in andere Länder aufmachen, hat das immer schwerwiegende Konsequenzen. 2015 sind so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen wie in der gesamten Gastarbeiterzeit. Das schürt natürlich Ängste und vielleicht sogar eine gewisse Feindseligkeit in der einheimischen Bevölkerung. Schauen Sie sich Schweden an: Das Land hat lange Zeit viele Flüchtlinge und Migranten ins Land gelassen, aber sie nie wirklich integriert.

ZEIT ONLINE: Also ist nicht die Asylpolitik das Problem, sondern die unzureichende Integration?

Ferguson: Beides hängt zusammen. Wenn die europäischen Staaten so gut wie die USA darin wären, Migranten in ihre Arbeitsmärkte zu integrieren, wäre das Problem viel kleiner. Aber die Realität ist eine andere: Schon vor der Flüchtlingskrise war die Arbeitslosenquote von Ausländern in Deutschland deutlich höher als die von in Deutschland geborenen Menschen. In Schweden sieht es ähnlich aus. Man kann nicht Hunderttausende Menschen einladen, wenn es kein funktionierendes System für eine ökonomische und kulturelle Integration gibt.

ZEIT ONLINE: Aber was wäre die Alternative gewesen? Sie im Mittelmeer ertrinken zu lassen?

Ferguson: Die Alternative wäre gewesen, den Nahen Osten nicht im Chaos versinken zu lassen.

ZEIT ONLINE: Daran ist Europa schuld?

Ferguson: Warum wollen so viele Menschen in Nordafrika und im Nahen Osten ihr Land verlassen? Weil ihre Länder vor die Hunde gehen. Es war keine Naturkatastrophe, welche die Syrer veranlasst hat, ihr Land zu verlassen. Die Europäer – allen voran Deutschland – haben sich lange der Realität verweigert. Die ganze Schuld wurde einfach US-Präsidenten George W. Bush zugeschoben, weil er im Irak eingegriffen hat. Aber der aktuelle Präsident, Barack Obama, den die Europäer so sehr lieben, hat noch viel mehr Leid verursacht. Er hat in Syrien nicht eingegriffen.

ZEIT ONLINE: Der Westen hätte viel früher Bodentruppen in den Nordirak schicken sollen?

Ferguson: Gegenfrage: Wie lange wird der "Islamische Staat" schon bombardiert? Er existiert bis heute. Ohne Bodentruppen ist er nicht zu besiegen. Der IS ist kein natürliches Ziel für einen Krieg aus der Luft.