Aus Seenot gerettete Flüchtlinge auf einem Schiff der türkischen Küstenwache © Bulent Kilic/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Glasenapp, der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu fordert in der Flüchtlingskrise von Europa mehr Geld als die bislang versprochenen drei Milliarden Euro. Er sagt, die Lasten müssten gerecht verteilt werden. Was würde zusätzliches Geld im Kampf gegen Fluchtursachen bringen?

Martin Glasenapp: Zunächst einmal: Wir reden hier über ungedeckte Schecks. Die EU hat drei Milliarden versprochen, streitet aber darüber, wer das bezahlen soll. Dadurch bekommt die Diskussion über etwaige zusätzliche Zahlungen eine ganz böse Note.

ZEIT ONLINE: Wie ist denn die Lage der Flüchtlinge in der Türkei?

Glasenapp: Das kommt darauf an, über welche Flüchtlinge wir reden. Die arabischen Syrer, die in die Türkei geflohen sind, kommen mehrheitlich aus Regionen, die sich gegen das Assad-Regime erhoben haben. Die meisten von ihnen sind sunnitisch. Sie erhalten eine gewisse Grundversorgung, zum Beispiel sind sie in den offiziellen Lagern der türkischen Katastrophenschutzbehörde untergebracht. Dort gibt es Schulen, Krankenhäuser, sogar Moscheen.

ZEIT ONLINE: In den Lagern lebt aber nur ein kleiner Teil der aus Syrien Geflohenen.

Glasenapp: Ja, es sind ungefähr 320.000 von insgesamt 2,5 Millionen.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den anderen?

Glasenapp: Viele müssen selbst sehen, wie sie zurechtkommen, etwa die kurdischen und jesidischen Flüchtlinge. Hinzu kommt jetzt die Gewalt in den kurdischen Städten der Türkei. In Diyarbakır zum Beispiel unternimmt eine kurdische Partnerorganisation von uns, mit der wir im syrischen Kobane das Gesundheitssystem wiederaufbauen, gerade alles Menschenmögliche, um Nahrungsmittel in ihre Nachbarschaft zu bekommen, die zurzeit von der türkischen Armee beschossen wird.

Generell aber lässt sich sagen, dass der Staat kurdische Flüchtlinge aus Syrien vernachlässigt, deshalb wird diese Flüchtlingsgruppe von der kurdischen Gemeinschaft versorgt. Andere sind ganz auf sich alleine gestellt. Zugleich häufen sich in letzter Zeit Berichte, dass die Türkei sogar syrische Kriegsflüchtlinge zurück nach Syrien abschiebt.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, viele seien auf sich alleine gestellt. Was bedeutet das?

Glasenapp: Die Flüchtlinge haben keine Arbeitsgenehmigung und können ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Ihre Wohnungen müssen sie teuer mieten. Die Türkei bezeichnet sie als Gäste. Als solche haben sie keinerlei Bleibeperspektive, allerhöchstens eine Duldung.

ZEIT ONLINE: Aber schulpflichtige Kinder haben doch auch in der Türkei Anspruch auf Bildung?

Glasenapp: Ja, es gibt dafür sogar ein Gesetz, aber geschätzte 500.000 der insgesamt 700.000 syrischen Flüchtlingskinder in der Türkei können aus wirtschaftlichen Gründen nicht zur Schule gehen. Sie müssen arbeiten. Auch deswegen wollen viele Familien nach Westeuropa oder Deutschland aufbrechen.

Ein Turkmene beispielsweise sagte mir, dass er gerne in der Türkei geblieben wäre. Seine zweite Muttersprache ist Türkisch, deshalb wäre das gar keine so schlechte Lösung gewesen. Aber seine Kinder müssten arbeiten gehen, um den Lebensunterhalt zu sichern. Für sie wollte er nach Deutschland, obwohl er dort für sich keine Zukunft sah.

ZEIT ONLINE: Wovon leben die Leute, wenn sie keine Arbeitsgenehmigung haben?

Glasenapp: Von ihrem Vermögen, und wenn das aufgezehrt ist, von Schwarzarbeit in Elendsjobs. Manche werden kriminell, um zu überleben, Frauen prostituieren sich oder werden verkauft. Es gibt dort alles, was man sich vorstellen kann. Lange haben die Menschen das ausgehalten, weil sie geglaubt haben, sie könnten bald wieder nach Syrien zurückkehren. Aber im vergangenen Jahr ist den meisten klar geworden, dass dem nicht so ist – spätestens, als das unterfinanzierte Welternährungsprogramm seine Lebensmittelrationen kürzen musste.

ZEIT ONLINE: Zumindest die materielle Not könnte die türkische Regierung mit dem Geld der EU, wenn es denn kommt, lindern.

Glasenapp: Theoretisch schon. Drei Milliarden Euro sind viel Geld für die Türkei; die Summe übersteigt ihren Jahresetat für die Flüchtlingsversorgung sogar leicht. Damit könnte man die Nahrungsmittelhilfe erhöhen und wohl auch ein paar Schulen bauen. Aber es löst keines der grundlegenden Probleme.