Warten auf Kundschaft. Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftssektor in der Türkei. © Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Nur wenige Stunden nach dem Angriff reagierten die ersten Reiseanbieter beinahe routiniert und schnell auf den Anschlag in Istanbul: Kunden dürfen kostenfrei umbuchen oder stornieren. Das Auswärtige Amt empfahl Reisenden, Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen und bei touristischen Attraktionen in der Türkei "vorläufig zu meiden". Für die Urlaubsbranche wird dieser dritte Terroranschlag innerhalb eines halben Jahres – das ist absehbar – Folgen haben.

Schon das abgelaufene Jahr 2015 lief schlecht. Die Kriege in den Nachbarländern Syrien und Irak, die unsichere Lage im Süden der Türkei, der erneut ausgebrochene Konflikt zwischen Kurden und Zentralregierung halten viele Menschen davon ab, die Türkei als Urlaubsziel zu wählen. Im ersten Halbjahr lag der Umsatz des türkischen Tourismus nach offiziellen Angaben bei 11,5 Milliarden Euro und ist damit um neun Prozent niedriger als im Vorjahr.

Dieser Negativtrend kann die gesamte Konjunktur des Landes beeinflussen: "Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftssektor der Türkei und eine der wichtigsten Devisenquellen", sagt Martina Simon von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt liegt seit Jahren bei etwa zehn Prozent. Entwickelt sich die Branche auch 2016 rückläufig, dürfte dies das ohnehin sinkende Wachstum beeinträchtigen. Die enormen Sprünge der türkischen Wirtschaft von bis zu neun Prozent gehören ohnehin der Vergangenheit an. Für das abgelaufene Jahr 2015 wird wie für 2014 ein Wachstum von noch knapp drei Prozent erwartet, die endgültigen Zahlen liegen aber noch nicht vor.

Deutsche machen den größten Teil der Türkei-Touristen aus

Begonnen hatte der Tourismusboom vor Jahrzehnten vor allem an der türkischen Küste im Süden des Landes und der Riviera zwischen Antalya und dem Kap Anemurion. "Doch auch Istanbul wird als Reiseziel immer wichtiger", sagt die GIZ-Expertin Simon. Etwa 37 Millionen Gäste besuchten 2014 die Türkei, davon fast ein Drittel die historische Metropole am Bosporus. "Nach Istanbul kommen zunehmend nicht nur Menschen aus westlichen Ländern, sondern auch viele Muslime aus dem arabischen Raum und aus Südostasien", sagt Simon.

Ausgerechnet die Deutschen, die von dem Anschlag am stärksten getroffen wurden, stellen die größte Gruppe der Türkei-Touristen. Etwa viereinhalb Millionen waren es 2014. Gleich dahinter auf der Rangliste mit knapp vier Millionen Besuchern: Urlauber aus Russland. Auch ihre Zahl allerdings dürfte sich bereits 2015 verringert haben, weil sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets an der türkisch-syrischen Grenze erheblich verschlechtert haben: Präsident Wladimir Putin ordnete im November 2015 weitreichende Wirtschaftssanktionen an. So dürfen russische Reiseanbieter keinen Urlaub in der Türkei mehr anbieten.

Urlauber reagieren sensibel

Die Tourismusbranche trifft dieser Streit doppelt. Wenn in diesem Jahr nur noch wenige Russen in die Türkei kommen, bleiben in den Hotels große Kapazitäten offen. Das werden Reiseanbieter aus anderen Ländern nutzen und Preisnachlässe fordern.

Zudem reagieren Urlauber schnell und sensibel auf schlechte Nachrichten. Das zeigt das Beispiel Tunesien: Mit mehr als 400.000 Urlaubern aus Deutschland zählte das Land in den vergangenen Jahren zu den beliebtesten Reisezielen in Nordafrika und erholte sich nach einem Einbruch im Jahr des Arabischen Frühlings schnell wieder. Aber nach den Attacken auf das Bardo-Museum in Tunis und auf Urlauber am Strand von Sousse im vergangenen Jahr blieben die für Tunesien so wichtigen Urlauber erneut weg. Einen Rückgang im zweistelligen Prozentbereich sieht der Deutsche Reise-Verband (DRV) für 2015 – dabei hatte Deutschland nicht einmal eine Reisewarnung ausgesprochen.

"Der Terrorismus wendet sich direkt und ohne Umschweife gegen Touristen. Das ist eine neue Dimension", sagt Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Kiel. Vor allem der östliche Mittelmeerraum komme nicht zur Ruhe. In der Branche ist von "Unsicherheiten" die Rede.

Von dieser Entwicklung profitieren Regionen wie Spanien und Portugal. Ob das allerdings nach dem tragischen Jahresauftakt so bleiben wird, ist noch unklar. "Die Wirkung solcher Anschläge ist meist regional und zeitlich begrenzt", sagt Lohmann. Doch die Buchungen für den Sommer laufen jetzt.

Terrorismus - Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts für die Türkei