Die Ölmärkte sind im Rausch – im Tiefenrausch. Nach dem Ende der Atomprogramm-Sanktionen gegenüber dem Iran darf der Staat nun im großen Stil wieder Öl verkaufen. 500.000 Barrel will Teheran in den kommenden Wochen täglich auf den Markt bringen, und das, obwohl das Ölkartell Opec schon jetzt etwa eine Million Barrel am Tag mehr produziert als nachgefragt werden.

Die Folge: Der Ölpreis ist am Montag Morgen auf ein neues Tief seit zwölf Jahren abgerutscht. 27 US-Dollar kostet das Fass Nordseeöl, 28 Dollar die Sorte WTI. Allein in den ersten zwei Wochen des neuen Jahres gaben die Ölpreise um 25 Prozent nach. In den USA wird eine Ölsorte inzwischen gar zu einem Negativpreis gehandelt – der Produzent zahlt also freiwillig drauf, damit ihm seine Ware abgenommen wird. Vor der Küste Irans  sollen rund zwei Dutzend volle Supertanker nur darauf warten, ihr gebunkertes Rohöl an die Märkte zu bringen. OPEC-Gründungsmitglied Iran will so schnell wie möglich wieder in der ersten Liga der ölexportierenden Länder mitspielen. 

Autofahrer, Vielflieger und Unternehmen mag das freuen, schließlich sinken Diesel- und Benzinpreise seit Monaten. Niedrige Ölpreise wirken wie eine Steuersenkung, das kurbelt die Nachfrage an. Weil die Inflationsraten niedrig bleiben, steigt die Kaufkraft der Verbraucher. Auch wegen des billigen Öls, eines schwachen Euros und der niedrigen Zinsen schaffte Deutschland im vergangenen Jahr eine Wachstumsrate von immerhin 1,7 Prozent.

Doch schaut man sich die mittel- und langfristigen Entwicklungen an, dann hat der niedrige Ölpreis auch negative Folgen:

 

  • Die geopolitischen Abhängigkeiten steigen:

Im jüngsten World Energy Outlook hat die Internationale Energie Agentur IEA bereits davor gewarnt, dass wegen der niedrigen Preise die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Nahen Osten zunehme. Saudi-Arabien als bislang weltgrößter Ölexporteur überschwemmt inzwischen gezielt die Märkte mit billigem Öl, um so Konkurrenten wie die USA mit Dumping-Preisen aus dem Markt zu drängen. Spielt nun der Iran als wichtigster Konkurrent von Riad im internationalen Ölgeschäft wieder mit, dann stammt der Großteil der produzierten Ölmenge aus einer politisch extrem fragilen Region. Die beiden Regionalmächte verwickelten sich erst Anfang des Jahres in brisante Streitereien, nachdem Saudi-Arabien den prominenten schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr exekutierte. Danach kam es zum Sturm auf die saudische Botschaft in Teheran – ein Schreckensmoment auch für den Westen. 

  • Der politische Druck auf die Regierungen vor Ort steigt

Völlig unklar ist, wie die Regierungen in der Region mit den sinkenden Einnahmen für ihre Staatsaushalte umgehen werden. Schon jetzt nutzen erste Staaten wie Indien oder Saudi-Arabien die Chance und streichen Energiesubventionen – ein sinnvoller Schritt. Er hat allerdings auch ein hohes, gesellschaftliches Sprengpotenzial, denn unter dem Sparkurs leiden vor allem die ärmeren Bevölkerungsanteile. Entscheidend wird sein, wie die Regierungen im Nahen Osten es schaffen, die Wirtschaft auf ein Modell weg vom Öl umzubauen und dabei die Bevölkerung mitzunehmen.

  •  Die Energiepreise werden noch stärker schwanken

Wegen des niedrigen Ölpreises gehen zurzeit Investitionen in die Öl- und Gasbranche stark zurück. So veraltet sind teilweise die Öl und Gasanlagen, dass allein jährlich rund 630 Milliarden Dollar weltweit investiert werden müssten, um die derzeitige Produktionsmenge aufrecht zu erhalten, schreibt die IEA. Das Gegenteil aber ist der Fall, gerade die großen Ölkonzerne wie ExxonMobil, Shell, BP schrauben ihre Investitionen zurück und streichen Stellen, etwa 4.000 Arbeitsplätze sind es bei BP. Das wiederum könnte Folgen haben: Steigt die Nachfrage wegen des niedrigen Preises und kommen die Kapazitäten nicht hinterher, könnte es zu plötzlichen Preisschocks kommen. Zudem ist die Politik des Ölkartells Opec inzwischen alles andere als verlässlich. Erst Anfang Dezember vergangenen Jahres überraschte Saudi-Arabien damit, keine Förder-Obergrenze zu respektieren.

  •  Russland gerät noch mehr unter Druck

Der niedrige Ölpreis bringt andere wichtige Exportnationen wie Venezuela und Russland unter Druck. Gerade die Wirtschaft Russlands, das wegen des Engagements im Syrien-Konflikt zu einem wichtigen politischen Akteur im Nahen Osten geworden ist, leidet unter dem Preisverfall. Dabei ist sie schon jetzt wegen der Ukraine-Sanktionen extrem angeschlagen. Russische Energieexporteure müssen fürchten, dass sich europäische Kunden umorientieren und andere Abnehmer suchen. Auch Moskaus Staatsfinanzen leiden. Der Wechselkurs des Rubels zum Dollar und Euro ist eingebrochen, die Inflation steigt. Wie auch andere Ölnationen plant Moskau Sparrunden. Wegen der hohen Schulden bringt der Ölpreis sogar so riesige Staatskonzerne wie Rosneft inzwischen ins Schwanken. Russlands Finanzminister rechnet bereits mit einem Haushaltsloch von 36 Milliarden Euro in diesem Jahr. 

  • Keine Entlastung für das Klima

Der Ökostrom-Ausbau oder die Entwicklung der Biokraftstoffe leidet direkt kaum unter dem niedrigen Ölpreis – schließlich sind die Branchen in der Regel abhängig von staatlichen Förderpreisen wie Einspeisevergütungen. Der Hamburger Energieexperte Steffen Bukold weist sogar darauf hin, dass ein niedriger Ölpreis zum Teil sogar zu einer besseren CO2-Bilanz führen könne. "Da die Gaspreise in einigen Märkten noch immer an den Ölpreis gekoppelt sind, wird Erdgas im Vergleich zur Kohle attraktiver. Das senkt dann die CO2- und Schadstoffemissionen der Stromversorger." Doch der niedrige Ölpreis macht sämtliche Hoffnungen zunichte, den Energieverbrauch zu senken: Er setzt Anreize, noch mehr zu konsumieren – schließlich wird das Tanken, Fliegen oder Heizen immer günstiger.