In einem Luxus-Penthouse in London wischt eine Putzkraft den Boden (Archiv). © Peter Macdiarmid/Getty Images

Diese Zahlen beschreiben eine Obszönität. Die reichsten 62 Personen des Planeten besitzen zusammen 1,76 Billionen Dollar – ebenso viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit, rund 3,5 Milliarden Personen. Und die Ungleichheit wächst sehr schnell. Das zeigt ein Report, den die Entwicklungsorganisation Oxfam gerade vorgelegt hat. 

Eine derartige Ungleichverteilung von Vermögen ist ein Skandal. Es hat nichts mit Neid zu tun, sich darüber zu empören, denn die große Konzentration von Reichtum ist schädlich für uns alle. Sechs Gründe:

1. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

An dieser Stelle die Menschenrechte zu bemühen, mag pathetisch sein. Aber ab und zu muss an sie erinnert werden. "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren", hält die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte fest, Artikel eins, erster Satz. Er enthält die zentralen Werte, auf die westliche Gesellschaften sich berufen. 

Niemand aber kann sich mit leerem Magen frei entfalten. Oxfam schätzt in der aktuellen Studie, dass wesentlich mehr Menschen der extremen Armut hätten entkommen können, wäre die Ungleichheit nicht so groß. Gleichheit bedeutet selbstverständlich nicht, dass der Staat jedem die gleichen Lebensbedingungen garantieren muss. Aber jeder muss die Chance bekommen, sich zu entwickeln und sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Irgendetwas läuft sehr, sehr schief, wenn das Wirtschaftssystem und die Machtverhältnisse in der Politik das verhindern und zugleich einem winzigen Teil der Weltbevölkerung die Anhäufung enormer Reichtümer ermöglichen.

2. Zu große Ungleichheit bremst Wachstum und Entwicklung

Für alle, die mit Pathetik nichts anfangen können, hier die nüchterne ökonomische Perspektive. Bislang war umstritten, ob Ungleichheit der Wirtschaft schadet oder nützt. Sie könne den Einzelnen zu mehr Anstrengung motivieren und so das Wachstum ankurbeln, glaubte die eine Seite. Sie nehme den Ärmeren Bildungs- und Entwicklungschancen und schade damit der gesamten Wirtschaft, sagte die andere. Möglicherweise liegt die Wahrheit in der Theorie irgendwo dazwischen. Dann wäre Ungleichheit motivierend, so lange die Kluft nicht unüberwindbar groß wird.

In der Praxis scheint aber gerade genau das zu passieren. Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank Fed, warnte schon vor anderthalb Jahren vor einer Ungleichheit, die Aufstiegschancen zunichte mache. Die Industrieländer-Organisation OECD sieht Wirtschaftswachstum und sozialen Frieden in Gefahr. Der Weltwährungsfonds kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Es sind Institutionen, die nicht gerade sozialistischer Umtriebe verdächtig sind. Ihre Expertise muss man ernst nehmen.

3. Es liegt nicht an der Leistung

Wer viel leistet, hat sich sein Vermögen eben verdient, oder? Das ist die meritokratische Verteidigung der Ungleichheit. Doch sie funktioniert nicht mehr, weil die Kluft zwischen den Einkommen zu groß geworden ist. Oxfam zufolge bekommt der Chef von Indiens größter IT-Firma 416mal so viel wie einer seiner typischen Angestellten, und in den USA sind die Gehälter der Konzernbosse seit dem Ende der 1970er Jahre um 90mal schneller gestiegen als die ihrer durchschnittlichen Mitarbeiter. Mit ihrer Leistung hat das wohl nur begrenzt zu tun, vermutlich viel mehr mit der Entwicklung der Börsenkurse in den vergangenen Jahrzehnten.

Ein Blick in die jüngste Forbes-Liste zeigt: Viele Superreiche haben ihr Geld mit Technologie gemacht (Bill Gates, Mark Zuckerberg), in der Finanzbranche (Warren Buffet, George Soros), mit Konsumgütern oder Billigmode (Amancio Ortega von Zara, Stefan Persson von H&M). Vermutlich arbeiten viele von ihnen hart. Vor allem aber hatten sie einfach Glück, in einer lukrativen Branche unterwegs zu sein. Viele Arbeiter aber schuften bis zur Erschöpfung und erhalten dennoch einen Hungerlohn. Die Näherinnen in Myanmar, die Oxfam nennt, sind dafür nur ein Beispiel. Fragen Sie die Wanderarbeiter in deutschen Schlachthöfen, die können es bestätigen: Harte Arbeit macht nicht automatisch reich.

4. Das Geld fehlt anderswo

Oxfam zufolge haben die Vermögenden der Welt derzeit rund 7,6 Billionen Dollar in Steueroasen wie der Schweiz, Luxemburg oder Singapur geparkt. Die reichsten Unternehmen und Privatpersonen beschäftigen ein Heer von Investmentberatern und Anwälten, um ihr Vermögen vor dem Fiskus in Sicherheit zu bringen. Die Steuern, die sie nicht zahlen, fehlen dann in den öffentlichen Kassen: für Bildung, Investitionen, Krankenversorgung, Sozialhilfe.

Geld kauft Macht

Das betrifft nicht nur die Industriestaaten. Auch die reiche Elite aus den Schwellenländern nutzt Steuerschlupflöcher. Der Ökonom Gabriel Zucman hat ausgerechnet, dass den Regierungen der Welt dadurch jedes Jahr insgesamt 190 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen entgehen. Das ist mehr als die gesamte globale Entwicklungshilfe.

Zwar wird es für den extremen Reichtum der 62 noch andere Gründe geben als Steueroptimierung. Manche der Ursachen liegen in der nationalen Politik ihrer Herkunftsländer und sind durch internationale Initiativen wohl kaum zu beeinflussen. Doch sollte man deshalb den Kampf gegen die Steueroasen lassen? 

Sicher, das zusätzliche Steuergeld würde nicht automatisch sinnvoll eingesetzt. Korruption und Verschwendung würden allein durch bessere Steuergesetze nicht verschwinden. Aber mit ihnen bekämen die Regierungen wenigstens eine Chance, eine bessere Politik zu gestalten – und im Idealfall würden sie dabei von ihren Bürgern kontrolliert. 

5. Ungleichheit schadet der Demokratie

Demokratische Kontrolle ist ein gutes Stichwort. Die philanthropischen Stiftungen von Bill Gates und anderen tun zwar viel Gutes. Aber sie setzen ihre Schwerpunkte ganz ohne die Mitsprache und Einflussnahme der Bürger, für deren Wohl sie sich doch einsetzen wollen. Wie wäre es, wenn ihre Unternehmen auch die fälligen Steuern zahlten, statt Vermögen ins Ausland zu verschieben?

Viel gefährlicher aber: Geld kauft Macht. Zum Beispiel in den USA. Von dort stammt fast die Hälfte der 62 Superreichen aus der Forbes-Liste, die Oxfam als Basis für seinen Report nutzt. Die Wohlhabenden zwischen Neuengland und Kalifornien finanzieren den Kandidaten beider Parteien den Wahlkampf, und selbstverständlich erwarten sie eine Gegenleistung. Zum Beispiel in Form von Steuerschlupflöchern, wie die New York Times kürzlich ausführlich berichtete.

Auch in vielen anderen Ländern sind die politische und wirtschaftliche Elite sich herzlich verbunden. Je enger ihr Verhältnis, desto schwerer wird es für Außenstehende, in ihren Kreis aufzusteigen (siehe Punkt 2). Und in manchen Staaten, wo die Ungleichheit besonders groß ist, fühlen sich die Reichen eher ihren Klassengenossen im Ausland verbunden als den Armen zu Hause. Sie haben einen Wohnsitz im Norden und schicken ihre Kinder dort zur Schule. Ihre Lebensperspektiven sind anderswo. Warum sollten sie sich um bessere Verhältnisse zu Hause kümmern? So erodiert durch die enorme Ungleichheit die Demokratie.

6. Wir können uns nicht abschotten

Lange lebte Europa wie eine gated community. Aber in einer globalisierten Welt funktioniert das immer weniger, wie die Flüchtlingskrise zeigt. Global gesehen gehören die Einwohner der Industrieländer zu den Reichen. Wenn die wachsende Ungleichheit dazu führt, dass die Armen zu Hause immer weniger Perspektiven für sich sehen, dann werden sie zu uns kommen.

Alleine das sollte Grund genug sein, sich um gleichere Verhältnisse zu bemühen. Ob der Eliten-Treffpunkt Davos dafür der richtige Ort ist, wie Oxfam es fordert, sei dahingestellt. Ohne öffentlichen Druck wird sich vermutlich wenig ändern.