Es ist ein irrsinniges Unterfangen, das Almarai mitten in der heißen saudischen Wüste betreibt: Der börsennotierte Konzern hält dort in sechs Superfarmen 160.000 Milchkühe. In klimatisierten Ställen inklusive Wassertröpfchen-Beregnung werden die Tiere auf eine optimale Temperatur gekühlt, damit sie den höchstmöglichen Milchertrag liefern. Daneben betreibt Almarai die größte Molkerei in der arabischen Region. Es ist ein hochmoderner Industriekomplex, der auch irgendwo in den USA stehen könnte.

Almarai steht für die Zukunft Saudi-Arabiens: weit entfernt von Öl und Gas, industrialisiert und exportorientiert. Die Lebensmittelindustrie ist nicht der einzige Sektor, der sich dafür wandeln soll. Im Komplex Jubail City an der Ostküste des Landes hat die saudische Regierung in den vergangenen Jahren gezielt Industrie angesiedelt, hier betreibt etwa der Hadeed-Konzern das größte Stahlwerk der gesamten Golfregion, Petrochemiewerke und Kunststoffhersteller, oft unbekannte Weltmarktführer, haben hier ihren Firmensitz.

"Sicher, im Vergleich zu Deutschland steckt der Industriesektor noch in der Kinderschuhen", sagt Andreas Hergenröther, Delegierter der Deutschen Wirtschaft für Saudi-Arabien, Bahrain und den Jemen. "Aber im Vergleich zur restlichen arabischen Welt ist das Land am weitesten fortgeschritten."

Das 30-Millionen-Einwohner-Land hat sich extrem entwickelt, jedes Jahr arbeitet es sich auf Rankings wie der "Doing Business"-Liste der Weltbank beharrlich voran. Es hat große Prestigeprojekte im Bildungssektor initiiert. 2009 eröffnete die milliardenschwere König-Abdullah-Universität; die Princess-Nourah-Universität ist die größte Frauen-Uni der Welt.

Doch zum vollständigen Bild gehört auch: Die saudische Wirtschaft hängt immer noch vom Öl ab. Rund 90 Prozent der Exporterlöse werden aus dem Petroleumgeschäft erwirtschaftet. Die Saudis sind nicht nur der weltgrößte Ölproduzent, sondern zugleich auch der größte Nachfrager: Die Pro-Kopf-Nachfrage liegt doppelt so hoch wie in den USA. Die heimische Wirtschaft basiert komplett auf Öl, ohne Öl würde keine Klimaanlage laufen, kein Wasser entsalzt. 

Selbst gewähltes Schicksal

Diese Abhängigkeit setzt Saudi-Arabien gerade mächtig unter Druck: Seit vergangenem Sommer hat sich der Ölpreis fast halbiert; inzwischen liegt er bei gerade einmal 35 US-Dollar das Barrel. Das Preistief ist auch selbst gewähltes Schicksal: Saudi-Arabien überschwemmt gezielt die Märkte mit Öl, um Konkurrenten mit Niedrigpreisen aus dem Markt zu drängen und Marktanteile zu behalten. In der Folge sinken die Einnahmen Riads, doch zugleich steigen die Staatsausgaben, zum Beispiel dadurch, dass die Regierung militärisch in den Konflikt im Nachbarland Jemen eingreift. Das kostet Milliarden. 

Das größte Defizit aller Zeiten

Die Konsequenz ist simpel: Saudi-Arabien häuft ein gewaltiges Haushaltsdefizit an. Die Ratingagentur Fitch schätzt es für dieses Jahr auf 13,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, der Internationale Währungsfonds ging im vergangenen Jahr sogar von 20 Prozent aus – die einst prekäre Haushaltslage in Griechenland wirkt im Vergleich geradezu lächerlich. Bewahrheiten sich die Prognosen, wäre es das größte Defizit in der Geschichte Saudi-Arabiens. Die Zeiten kräftiger Haushaltsüberschüsse, die noch im Jahr 2012 bei zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts lagen, sind vorbei.

Milliardenreserven schwinden

Die saudische Regierung hat zwar vorgesorgt, die Verschuldung ist extrem gering, und das Königreich hat zu Boomzeiten knapp 700 Milliarden Dollar an Währungsreserven aus dem Ölgeschäft angehäuft. Doch die Ölmilliarden sind endlich. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds könnten sie bei dem anhaltenden niedrigen Ölpreis schon in fünf Jahren aufgebraucht sein. Damit das Land einen halbwegs ausgeglichenen Haushalt ohne Verschuldung aufstellen kann, müsste der Ölpreis bei mindestens 80, wenn nicht 100 Dollar das Barrel liegen. "Eine gewisse Zeit kann Saudi-Arabien sicherlich finanziell überbrücken – aber das darf nicht die langfristige Strategie sein", sagt Hergenröther. 

Eine kleine Revolution

In Riad passiert nun eine kleine Revolution. Das Königreich muss sparen – ein ungewohntes Phänomen in diesem Land. Es ist ein politisch extrem sensibles Unterfangen, schließlich sichern gerade kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung sowie die niedrigen Energiepreise die Zustimmung für das absolutistisch regierende Königshaus. Riad hat sich und der Bevölkerung bislang die niedrigsten Ölpreise der Welt gegönnt – und subventionierte sie mit so viel Geld wie keine andere Regierung.

Die absoluten Kosten für die Energiesubventionen mögen vielleicht gering sein, sie machen nach Angaben von Fitch gerade einmal zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. "Aber die indirekten Kosten – also die entgangenen Einnahmen für Öl, das man auf den internationalen Märkten hätte verkaufen können, sind groß", schreibt die Ratingagentur.

Zum Jahreswechsel hat jetzt die Regierung angekündigt, in den kommenden fünf Jahren Preiserhöhungen durchzuziehen. Der Benzinpreis soll um 55 Prozent steigen, auch die Wasserpreise für Industrie und andere Großverbraucher werden steigen, ebenso die Tabaksteuer. Die Gehälter im öffentlichen Dienst – dem wichtigsten Arbeitgeber in Saudi-Arabien – sollen eingefroren werden. Auch bei Sozialleistungen wird gespart. 

Die Privatisierung will die Regierung ebenfalls vorantreiben. Sogar die Einführung einer Mehrwertsteuer – einer Selbstverständlichkeit in etablierten Industrienationen, aber bislang ein Tabu in Saudi-Arabien – erwägt das Königshaus. Erstmals will es eine Schuldenmanagement-Agentur einrichten. Vor einigen Jahren und bei Ölpreisen von rund 100 US-Dollar pro Barrel hätte das noch nach einem schlechten Witz geklungen.

Bäckereien kündigen höhere Preise an

Noch versucht die Regierung, vor allem Unternehmen stärker finanziell in die Pflicht zu nehmen und die Bevölkerung mit dem harten Sparkurs zu verschonen. Doch das wird kaum möglich sein, denn die Unternehmen geben die höheren Kosten weiter. Am Jahresanfang kündigten 1.000 Bäckereien an, die Brotpreise zu erhöhen, wie die Saudi Gazette berichtet. Auch die Limousinenfahrer verlangten für eine Fahrt nicht mehr zehn Riyal, sondern das Doppelte, umgerechnet etwa fünf Euro.

Um tiefgreifende Strukturreformen wird Saudi-Arabien nicht herumkommen. "Die Regierung hätte die Diversifizierung ihrer Wirtschaft weitaus zielstrebiger verfolgen können", sagt Hergenröther. "Andere Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate haben es immerhin geschafft, im Tourismus oder den Finanzen nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen." Die Jugendarbeitslosigkeit in Saudi-Arabien liegt bei mindestens dreißig Prozent, zudem finden viele Frauen keinen Platz auf dem Arbeitsmarkt.

Saudisierung gelingt nicht

Dass der Staat massiv in eine gute Ausbildung investiert, nützt den jungen Leuten wenig. "Die Regierung kann den rund 500.000 Hochschulabsolventen, die jährlich auf den Arbeitsmarkt drängen, keine adäquaten Jobs anbieten", sagt Sebastian Sons, Saudi-Arabien-Fachmann der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Der Staatsdienst, der sonst als Auffangbecken diente, wird wegen des Sparkurses immer unattraktiver. "So wiederum wächst die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, weil mit dem fehlenden passenden Job auch der soziale Status sinkt", sagt Sons. Junge Männer könnten dann keine Wohnung mehr kaufen oder das Brautgeld zahlen: all das, was typischerweise in Saudi-Arabien zur Familiengründung dazugehört, ist ihnen verwehrt.

Die Regierung weiß seit Langem um die gesellschaftspolitische Brisanz des Themas. Vor vier Jahren hat sie ein sogenanntes Saudisierungsprogramm (Nidaqat) aufgelegt. Unternehmen sollen vor allem Saudis anstellen – und so dafür sorgen, dass die Zahl der sechs bis acht Millionen Gastarbeiter, die meisten aus Pakistan und Indien, sinkt. Wer besonders viele Saudis beschäftigt, erhält Prämien, bei Nichterfüllung gibt es Auflagen. "Das Problem ist, dass saudische Arbeitnehmer oft zu teuer und zu schlecht qualifiziert sind", sagt Sons. Ungewollt ist so eine große Schattenwirtschaft entstanden: Unternehmer stellten Saudis an – aber nur auf dem Papier. 

Wie schwer es der Regierung fällt, den Wandel voranzutreiben, zeigt die Taxifahrer-Branche. Mit vielen Anreizen versuchte die Regierung vor einigen Jahren, die ausländischen Taxifahrer durch Saudis zu ersetzen. Sie führte Pflichtquoten ein, versprach Finanzzuschüsse. Doch kaum ein Einheimischer bewarb sich. Als saudischer Taxifahrer für andere Saudis zu arbeiten, sei verpönt, sagt Sons. "Um einen wirtschaftlichen Wandel des Landes voranzutreiben, braucht es zugleich einen Mentalitätswandel." Der aber lässt sich nur schwer erreichen.