Statussymbole der Reichen und Schönen: Jachten im Hafen von Cannes, Südfrankreich (Archivbild) © Valery Hache/AFP/Getty Images

Warren Buffets Ausspruch beschrieb einen Skandal. Er zahle einen niedrigeren Steuersatz als jeder andere in seiner Firma, seine Sekretärin eingeschlossen, sagte Buffett, einer der reichsten Männer der Welt. Das war vor fünf Jahren, und für den Wahlkampf von Präsident Barack Obama war es eine Steilvorlage. Zwei Jahre später erhöhte Obama die Steuern für besonders hohe Einkommen. 

Jetzt ist wieder Wahlkampf in den USA – und die Entwicklungsorganisation Oxfam nutzt Buffets Ausspruch, um in einer neuen Studie die weltweite Verteilung von Armut und Reichtum aufzuzeigen. Zugleich ist das Papier ein Protest gegen die globale Steuervermeidungsindustrie. Sie steckt Oxfam zufolge hauptsächlich hinter der großen Ungleichheit.     

Der zentrale Befund in der Studie ist nicht minder skandalös als Buffetts Ausspruch von damals: Die Schere zwischen Arm und Reich ist inzwischen so groß, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung über so viel Vermögen verfügt wie der ganze Rest zusammen. Vor einem Jahr, als Oxfam zuletzt einen globalen Verteilungsreport veröffentlichte, glaubten die Autoren noch, eine solch extreme Ungleichheit werde erst Anfang 2017 erreicht sein. Doch es ging deutlich schneller. 

Die Zahlen des aktuellen Reports machen deutlich, wie sehr die Kluft in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Zum Beispiel verfügten 2015 nur 62 Menschen über ebenso viel Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – also 3,5 Milliarden Menschen. Ein Jahr zuvor lag das Verhältnis noch bei 80 zu 3,5 Milliarden.      

Seit 2010 ist das Vermögen der Superreichen um sagenhafte 44 Prozent oder etwa 540 Milliarden Dollar gestiegen. Das Vermögen der ärmeren Hälfte aber sank im gleichen Zeitraum um 41 Prozent oder rund eine Billion Dollar.   

Und noch eine Zahl, diesmal zu den Einkommen: Seit der Jahrhundertwende, schreibt Oxfam, sei der durchschnittliche Tageslohn des ärmsten Zehntels der Menschheit zwar gestiegen – aber nicht einmal um einen Dollar-Cent pro Jahr. Vor allem Frauen seien oft gezwungen, zu Hungerlöhnen zu arbeiten, etwa in der Bekleidungsindustrie. Das reichste Zehntel hingegen habe etwa 46 Prozent des globalen Einkommenswachstums abgesahnt. Eine Entwicklung, die auch neue Zahlen für die USA belegen, die die New York Times (NYT) ausgewertet hat.

"Die Wirtschaft ist kaputt"

Das Fazit aus der Statistik ist: Immer weniger Superreiche besitzen immer mehr, doch Einkommen und Vermögen der Ärmsten steigen trotz Wirtschaftswachstum so gut wie gar nicht an. Oxfam nennt seinen Report deshalb Eine Wirtschaft für das eine Prozent und schreibt darin: "Das Wirtschaftssystem ist kaputt."

Ganz anders sah das die Schweizer Großbank Credit Suisse, die schon im vergangenen Herbst auf die große Konzentration von Vermögen aufmerksam gemacht hatte. Zwar beklagte auch die Bank in ihrem Global Wealth Report 2015 eine wachsende Vermögensungleichheit, doch ihre Autoren Richard Kersley und Markus Stierli überbrachten vor allem gute Nachrichten: Weltweit – vor allem in Schwellenländern wie China – wachse die kaufkräftige Mittelschicht, und das sei gut für die Wirtschaft und den Fortschritt. Die Mittelschicht stehe "oft im Zentrum politischer Bewegungen und neuer Konsumtrends, und aus ihr stammen viele Geschäftsleute und Unternehmer, die neue Bedürfnisse befriedigen wollen", schrieben Kersley und Stierli.

Auf den ersten Blick scheint das paradox. Doch dass viele Menschen der Armut entkommen, widerspricht dem negativen Befund von Oxfam nicht unbedingt: Die Mittelschicht kann wachsen, während der Abstand zu den Superreichen sich dennoch vergrößert. Offenbar ist genau das der Fall, das heißt: Vermögen und Einkünfte der Reichsten sind einfach noch viel stärker gewachsen als die der anderen Bevölkerungsgruppen. Einkommen und Wohlstand würden "mit alarmierender Geschwindigkeit nach oben gesogen", schreibt Oxfam.

Und das schmälert dann auch die unbestreitbaren Erfolge in der Armutsbekämpfung. Von 1990 bis 2010 halbierte sich die Zahl der extrem armen Menschen – ein "fantastischer Fortschritt", den Oxfam "ganz klar begrüßt". Doch sofort schränkt die Organisation ein: "Aber wäre die Ungleichheit innerhalb von Ländern in diesem Zeitraum nicht gewachsen, wären 200 Millionen mehr Menschen aus der Armut entkommen. Diese Zahl hätte auf 700 Millionen steigen können, wenn arme Leute stärker vom Wirtschaftswachstum profitiert hätten als die Reichen."