Donald Trump während einer Rede in Iowa © Scott Morgan/Reuters

In den USA dominiert gerade ein Mann die Schlagzeilen: "Trump will Muslime nicht mehr ins Land lassen". "Trump will waffenfreie Zonen an Schulen abschaffen". "Trump plädiert für Folter". Mit diesen reaktionären bis offen rassistischen Parolen hat sich Donald Trump ganz an die Spitze der republikanischen Kandidatenliste für die US-Präsidentschaft katapultiert. Wie kann das sein? Macht Amerika nach acht Jahren liberaler Politik unter Barack Obama gerade eine Rolle rückwärts?

Zu den Gesetzmäßigkeiten der US-Politik gehört seit Jahrzehnten, dass es im Laufe einer Präsidentschaftsära immer einen backlash gibt, also eine Art Gegenbewegung zur regierenden Ideologie, unabhängig davon, ob gerade ein Republikaner oder ein Demokrat im Weißen Haus sitzt. Man könnte also annehmen, dass die breite Bevölkerungsmehrheit in den USA nach einer Reihe von liberalen Reformen genug hat von linker Politik. Die Gesundheitsreform, das Atomabkommen mit dem Iran, die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe – alles linke Projekte der Obama-Zeit.

Auch wenn der Aufstieg von Donald Trump vermuten lassen könnte, dass der backlash dieses Mal besonders heftig ausfällt – es gibt doch viele Anzeichen dafür, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Amerika driftet nach links. Das bestätigt Robert Shapiro, früherer Leiter des Instituts für Politikwissenschaften an der Columbia Universität in New York. "Die junge Generation scheint deutlich liberaler zu sein als noch vor 20 Jahren", sagt Shapiro. Immer wieder werde dabei auf die sogenannten Millennials verwiesen, die heute 18- bis 35-Jährigen, die sich laut vielen Umfragen zwar nicht klar zu einer Partei bekannten, denen aber liberale Themen wie Umweltschutz, soziale Ungleichheit und Minderheiten wichtig seien. "Wird diese Gruppe mobilisiert, führt das zu einem Sieg der Demokraten", sagt Shapiro. Das hätten auch die letzten beiden Wahlkämpfe von Obama gezeigt.

Ohne Occupy wäre Sanders undenkbar

Eine wichtige Rolle hätten in den vergangenen Jahren politische Bewegungen wie Occupy Wall Street gespielt, selbst wenn die Gruppe inzwischen fast aufgelöst sei. "Sie haben auf das Problem der wachsenden sozialen Ungleichheit aufmerksam gemacht. Das Thema steht nun im Wahlkampf ganz oben auf der politischen Agenda, nicht nur bei den Demokraten", sagt Shapiro. Ohne diese Diskussion wäre der linke demokratische Kandidat Bernie Sanders undenkbar gewesen. Der erklärte Sozialist mischt gerade die Vorwahl unter den Demokraten auf und schiebt auch die Agenda der eigentlichen Favoritin Hillary Clinton weit nach links.

Plötzlich stehen Projekte auf ihrem Programm, die so gar nicht zur Familie Clinton passen. Bill Clinton hatte in seiner Regierungszeit wie kein anderer Demokrat eine wirtschaftsliberale und bankenfreundliche Politik geprägt. Nun aber hat seine Ehefrau die Stärkung der Mittelklasse zum obersten Ziel erklärt, sie spricht sich für bezahlte Elternzeit, für schuldenfreie Universitätsausbildung und Kindergartenplätze für alle aus. "Für das, was man in Amerika bisher unter Wohlfahrtsstaat versteht, ist das überaus progressiv", sagt der Politikwissenschaftler Shapiro. Im Vergleich zu anderen entwickelten Ländern hingegen vor allem in Europa stünden die USA mit dieser Agenda noch immer ganz am Ende der Skala.

Die Mehrheit der Amerikaner glaubt, dass ihnen ihr Land nur wenig Chancen für einen Aufstieg bietet. Laut einer Umfrage des Pew-Meinungsforschungsinstituts aus dem vergangenen Jahr sagen 62 Prozent der Amerikaner, dass ihr "Wirtschaftssystem die mächtigen Interessen ungerecht bevorzugt". Selbst fast 50 Prozent der Republikaner schließen sich inzwischen dieser Meinung an. Obwohl die Konservativen in den USA traditionell für einen möglichst schlanken Staat plädieren, sagt auch die Mehrheit der Republikaner, dass die Regierung seit der Wirtschaftskrise zu wenig für Arme, den Mittelstand und kleine Unternehmen getan habe. Stattdessen hätten vor allem große Konzerne und die Finanzbranche profitiert.

Auch in anderen Themenfeldern setzen sich linke Auffassungen durch: 57 Prozent der Amerikaner befürworten die gleichgeschlechtliche Ehe. Sie wurde letztes Jahr durch den Obersten Gerichtshof bestätigt, obwohl die Mehrheit der Richter konservativ ist. Der US-Experte Johannes Thimm von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sagt dazu: "Die Republikaner haben dieses Thema inzwischen aufgegeben, weil sie merken, dass sie selbst in der Stammwählerschaft damit keine Punkte machen." Gerade unter jüngeren Amerikanern sei Homosexualität inzwischen gesellschaftlich breit akzeptiert, auch weil die meisten Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld gleichgeschlechtliche Partnerschaften kannten.