Ein offenbar obdachloser Mann vor dem Bundestag in Berlin (Archivbild) © Sean Gallup/Getty Images

Die reichsten 62 Multimilliardäre dieser Welt haben ein Vermögen, das in der Summe genauso hoch sein soll wie die Mini-Vermögen der ärmsten 3,6 Milliarden Menschen der Erde: Es ist erstaunlich, dass die Hilfsorganisation Oxfam, die diese Zahlen anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos verkündet hat, das so genau weiß. Denn selbst die amtliche Statistik kann nicht genau sagen, wie viele Menschen überhaupt auf der Erde leben. Auch die exakte Zahl der Milliardäre ist lässt sich nicht exakt bestimmen – in Deutschland ebenso wenig wie in vielen anderen Ländern.

Laut Oxfam gibt es auf der Welt 7,2 Milliarden Menschen, und exakt 62 davon haben so viel auf der hohen Kante wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Woher will Oxfam das so genau wissen? Die meisten Superreichen kennen ihr Vermögen nicht mal selbst voll und ganz. Selbst ihre Steuerberater wissen es auch erst halbwegs genau, wenn Erbschaftssteuer anfällt. Das wahre Vermögen bleibt unbekannt. 

Doch es lohnt nicht, über die offensichtliche Scheingenauigkeit der Zahlen zu streiten. Viel interessanter ist: Dienen die Oxfam-Zahlen dem Anliegen der Organisation, die Ungleichheit auf der Welt zu reduzieren?

Leider lautet die Antwort: Nein. Oxfam lenkt die Debatte in eine wenig produktive Umverteilungsrichtung. Aber durch bloße Umverteilung von Vermögen wird man die Ungleichheit nicht nachhaltig reduzieren können. Vielmehr kommt es darauf an, wie sich Demokratie und Bildungschancen weltweit entwickeln; ob Gewerkschaften in der Lage sind, gute Arbeitsbedingungen durchzusetzen; und ob die staatliche Wettbewerbsaufsicht Monopole verhindern und wenn nötig zerschlagen kann.

Reichtum muss kein Problem sein

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob die Vermögenskonzentration wirklich eine entscheidende Rolle für die Lebensbedingungen der Menschen weltweit spielt. Denn gerade auf die höchsten Vermögen nehmen die konjunkturelle Entwicklung und die Finanzmärkte großen Einfluss. Aber würde ein Börsencrash, der einige Supermilliardäre deutlich ärmer und die weltweite Vermögensverteilung schlagartig gleicher machen würde, die Lebenswirklichkeit der ärmeren Hälfte wirklich verbessern? Oder nicht viel eher sogar verschlechtern?

In Ländern mit einer funktionierenden Rechts- und Sozialordnung – dazu gehört im weltweiten Maßstab betrachtet gewiss Deutschland – spielen Multimilliardäre keine große Rolle. Wenn bereits ein einziges Großunternehmen Probleme hat, koordiniert zu handeln –man denke jüngst an VW, früher beispielsweise an Siemens – und manch größerer Mittelständler seinen Betrieb schon nicht mehr überblickt: Wie kann man dann auf die Idee kommen, das Multimilliardäre in der Lage seien, ihr Vermögen straff zu verwalten und den Lauf der Welt zu lenken?

Selbstverständlich haben Vermögende Eigeninteressen. Was sie aus ihrem Besitz machen, hängt aber ganz entscheidend von den Rahmenbedingungen ab. Das kann man zum Beispiel bei BMW beobachten, wo es eine Großaktionärsfamilie Quandt-Klatten gibt, die beste Arbeitsbedingungen zulässt. Einiges spricht sogar dafür, dass die ruhige Hand der milliardenschweren Eigentümer dem Autobauer und seiner Belegschaft guttut.

Höhere Steuern sind manchmal nutzlos

Viel Geld in einer privaten Hand kann aber auch ein Problem sein. Wenn heutzutage Milliardäre in China und in der sich entwickelnden Welt raue Geschäftssitten und einen fragwürdigen Umgang mit ihren Belegschaften pflegen, bis hin zu faktischer Sklavenhaltung, dann ist das aber gewiss nicht allein ihnen zuzuschreiben, sondern hat viel mit den gesellschaftlichen Strukturen in ihren Ländern zu tun. Lediglich höhere Steuern einzutreiben nützt dann ganz wenig; selbst Enteignungen und Verstaatlichungen werden in einem Land, das von – im westlichen Sinne – Korruption geprägt ist, nicht viel helfen. Vielleicht sogar im Gegenteil. Und gäbe es beispielsweise in Afrika, wie Oxfam es fordert, plötzlich Geld für mehr Lehrer: Wo sollen die auf die Schnelle herkommen?    

Nun werden viele sagen: Ob die Zahlen im Sinne einer Buchhaltung nun genau stimmen oder nicht, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass erkennbar untragbare Verhältnisse immer wieder angeprangert werden. Aber stimmt das? An den deutschen Armutsberichten kann man erkennen, dass es wenig nützt – und irgendwann ins Gegenteil umschlägt – wenn man jedes Vierteljahr versucht, mit neuen Armutszahlen die Öffentlichkeit wachzurütteln. Da die vielen Berichte bisher keine mehrheitsfähige Lösung zur Überwindung der Armut angeboten haben, sind sie inzwischen politisch ziemlich belanglos geworden.

Zwei wichtige andere Punkte, die auch im Oxfam-Report zu finden sind, werden überdeckt: Von Superreichen, die versuchen, Politik und öffentliche Meinung zu kontrollieren, geht eine politische Gefahr aus. Dabei kommt es allerdings auf die eine oder andere Milliarde mehr oder weniger auf dem Konto nicht an. Und Steueroasen sind völlig unproduktiv und schaden Ländern und Gesellschaften. Sie sollten ausgetrocknet werden. Ansonsten aber gilt: kämpfen für Demokratie, bessere Bildung, starke Gewerkschaften und Wettbewerbskontrolle! Ob den Milliardären dann ein bisschen weniger oder sogar mehr Geld bleibt, ist belanglos.