Schreckschusspistole wird abgefeuert ©  dpa/Carsten Rehder

Ende November veröffentlichte die Tageszeitung Welt eine Überschrift, die gleichzeitig falsch und richtig war. Sie lautete: "Deutschland hat Angst – und greift zur Waffe." Tatsächlich, das zeigen Umfragen, sind die Deutschen in den vergangenen Monaten ängstlicher geworden: Mehr als eine Million Flüchtlinge, der Terror von Paris, die Silvesternächte in Köln und Hamburg – all das hat die Unsicherheit und Sorgen wachsen lassen. "Deutschland hat Angst" ist ein wahrer Satz.

"Deutschland greift zur Waffe" ist kein wahrer Satz. Der Welt-Artikel untermauert diese These mit den Verkaufszahlen von Pfeffersprays und Schreckschusspistolen, vor allem in der zweiten Jahreshälfte 2015. Die Nachfrage bei vielen Herstellern ist in diesem Zeitraum rasant gestiegen, teils um das Sechsfache, es gibt Lieferschwierigkeiten und mancherorts sogar Wartelisten für Bestellungen. Das Problem: Über das absolute Niveau der Verkäufe ist bislang nichts bekannt – und Steigerungsraten allein können keine Massenbewaffnung deutscher Haushalte belegen.

Auch Ingo Meinhard, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler (VDB), hält wenig von solchen Superlativen. "Pauschal von einer landesweiten Aufrüstung zu sprechen, ist sicherlich übertrieben", sagt er. "Bislang gibt es nur die Einzelstimmen der Hersteller." Absatzzahlen für Sprays und Pistolennachbildungen kann der VDB erst im Februar nennen, dann soll eine in Auftrag gegebene Studie die Größenordnung des Phänomens abschätzen.

Waffenverkäufe - Angst kaufen Pfefferspray Pfefferspray und Schreckschusspistolen sind gefragt wie nie. Decken sich die Deutschen mit frei verkäuflichen Waffen ein? Ein Besuch im Waffenladen

Reizsprays nur gegen Tiere

Grundsätzlich darf jeder Volljährige in Deutschland Pfeffersprays und Schreckschusspistolen kaufen. Die gesetzlichen Regelungen über den Einsatz der Waffen sind hingegen deutlich restriktiver: Auf den Sprühdosen muss vermerkt sein, dass der enthaltene Reizstoff nur gegen Hunde oder andere Tiere eingesetzt werden darf – und nicht gegen Menschen. Bei den Pistolenduplikaten sind zwar Kauf und Besitz legal, um die Waffe aber auch führen, also im Zweifel benutzen zu dürfen, ist eine Genehmigung notwendig: der sogenannte Kleine Waffenschein.

Die Zahl der Kleinen Waffenscheine wird nach Bundesländern erfasst. Eine Umfrage von ZEIT ONLINE bei den 16 Innenministerien und Senatsbehörden zeigt: In allen Ländern wuchs die Zahl der Besitzer von Kleinen Waffenschein im Jahresverlauf 2015 deutlich an. In Baden-Württemberg stieg sie um knapp acht Prozent, in Bayern um elf Prozent und in Sachsen sogar um mehr als ein Fünftel. Die Steigerungen sind umso bemerkenswerter, weil die Statistiken vieler Bundesländer die Vorfälle in der Silvesternacht am Hauptbahnhof noch gar nicht berücksichtigen.

Waffenscheinbesitzer in Berlin: 0,2 Prozent

Viele Polizeipräsidien berichten seit Silvester über mehrere Anfragen täglich zu Kleinen Waffenscheinen. Die Berliner Polizei stellte allein in den ersten 17 Tagen des neuen Jahres etwa 500 neue Genehmigungen aus; im gesamten Dezember waren es nur 137. Das extreme Wachstum bei den Neuanträgen verleitet jedoch dazu, die absolute Menge aller Waffenscheinbesitzer zu überschätzen, sie liegt beispielsweise für Berlin bei etwa 9.500. Gemessen an allen Einwohnern der Stadt entspricht das gerade einmal 0,2 Prozent. In den anderen Bundesländern ist der Anteil ähnlich niedrig.

Ein Massenphänomen sieht anders aus. Dennoch sind die Zahlen ein Indiz für die wachsende Unsicherheit in der Bevölkerung, sagt der Präsident der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Wo das Vertrauen in Politik und Polizei leide, könne ein Waffenschein das Gewissen wieder etwas beruhigen. "Nach dem Motto: Ich habe etwas für meine eigene Sicherheit getan", sagt Wendt.