ZEIT ONLINE: Herr Schoeneberger, sie arbeiten für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in Äthiopien. Wie ernst ist die Lage dort aus Ihrer Sicht?

Johannes Schoeneberger: Ziemlich ernst. Im vergangenen Jahr ist der Regen in vielen Regionen nahezu komplett ausgeblieben. Die kleine Regenzeit, die im Februar beginnt und normalerweise etwa einen Monat dauert, setzte zunächst ganz leicht ein, und die Bauern begannen zu säen – doch dann hörte der Regen auf, und sie hatten ihr Saatgut verloren. Schon das war ein schwerer Schlag. Aber dann gab es auch in der großen Regenzeit zwischen Juli und September 2015 viel zu geringe Niederschläge.

ZEIT ONLINE: Was sind die Folgen?

Schoeneberger: In manchen Regionen ist die Ernte komplett ausgefallen. Viele Bauernfamilien haben jetzt nur zu essen, wenn sie Nahrungshilfe vom Staat oder ausländischen Gebern erhalten.

ZEIT ONLINE: Auch in guten Jahren überleben in Äthiopien viele Menschen nur dank Nahrungshilfe.

Schoeneberger: Normalerweise sind das etwa acht Millionen Menschen. Sie leben in Gegenden, in denen die Ernte selbst in guten Jahren schlecht ausfällt, etwa weil die Böden nicht viel hergeben. Aber jetzt kommen noch einmal zehn Millionen hinzu. Zusammen ist das fast ein Fünftel der Bevölkerung.

ZEIT ONLINE: Wie spüren Sie in der Hauptstadt Addis Abeba die Folgen der Dürre?

Schoeneberger: Die Preise der Nahrungsmittel steigen, denn das Angebot ist auch hier knapper. Die einzige Ausnahme ist Fleisch und lebendes Vieh. Das wird immer billiger, weil viele Bauern in der Not ihre Tiere verkaufen müssen, bevor sie verhungern. Die Armen hier in Addis geben auch so schon etwa die Hälfte ihres Einkommens für Essen aus. Sie kommen jetzt nur schwer über die Runden.
Hinzu kommen die ständigen Stromausfälle, denn wegen der Trockenheit führen die Stauseen nicht so viel Wasser wie sonst. Das ist ein Riesenproblem – nicht nur für die Privatleute, sondern noch viel mehr für die im Entstehen befindliche Textil-, Nahrungs- und Lederindustrie. Die Fabriken stehen stundenlang still.

ZEIT ONLINE: Vor etwas mehr als dreißig Jahren gingen die Bilder der Hungersnot in Äthiopien um die Welt…

Schoeneberger: Heute ist die Situation ganz anders. Damals herrschte in Äthiopien Krieg. Heute sind die Felder vertrocknet, aber Sie werden draußen auf dem Land keine verhungernden oder verzweifelt um Nahrungsmittel bettelnden Menschen sehen. Die Regierung und die internationalen Geber haben sich vorbereitet. Die Dürre war ja absehbar – eine angekündigte Krise sozusagen. Die Politik tut alles, um eine Katastrophe zu vermeiden. Und die Menschen vertrauen darauf, dass das auch gelingt.

ZEIT ONLINE: Vertrauen Sie auch darauf?

Schoeneberger: Ich bin da ganz optimistisch. Die Regierung hat 200.000 Tonnen an zusätzlichem Getreide importiert und eine weitere Million eingekauft, die noch geliefert werden muss. Sie hat bisher 400 Millionen Dollar aus ihrem Haushalt für Nothilfemaßnahmen umgeschichtet. Die Züge zum Hafen von Dschibuti, wo das Getreide angeliefert wird, fahren täglich, obwohl die Strecke noch gar nicht offiziell eingeweiht wurde. 

Äthiopien hat in den vergangenen Jahren alles getan, um das alte Image eines Hungerlandes loszuwerden. Die Regierung hat viel in Bildung und Infrastruktur investiert, ausländische Investoren angelockt, sie industrialisiert das Land. Vor fünf Jahren gab es am Horn von Afrika schon einmal eine schlimme Dürre  – offiziellen Angaben zufolge ist dadurch kein Äthiopier gestorben. Dass die Welt dennoch die alten Bilder nicht vergisst, verfolgt das Land wie ein Schatten. Wenn jetzt wieder solche Fotos durch die Medien gingen, wäre das ein Rückschlag für das Land.

ZEIT ONLINE: Die Regierung baut eine Industrie auf, verpachtet großflächig Land an ausländische Investoren, die Wirtschaft ist zuletzt stark gewachsen. Aber sind das die richtigen Prioritäten? Müsste sie nicht zuerst die heimische Landwirtschaft stärken, damit alle Äthiopier essen können? 

Schoeneberger: Das tut sie. Ich leite hier im Auftrag der Bundesregierung ein Programm für die GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), das sich – in Zusammenarbeit mit der äthiopischen Regierung – ausschließlich an Kleinbauern wendet. Wir zeigen ihnen, wie sie die Nährstoffe im Boden schützen und erhalten können und wie sie das knappe Wasser am effizientesten verwenden. Wir legen großflächig Terrassen an und bauen Regenrückhaltebecken, aus denen das Wasser in der Trockenzeit tröpfchenweise in den Boden einsickert. Was die Felder nicht brauchen, tritt unten als Quelle wieder aus. In den Regionen, in denen wir aktiv sind, spürt man die Auswirkungen der Dürre deutlich weniger als anderswo. So setzen wir Maßstäbe – und zwar so sehr, dass das Programm sich vor Besuchern kaum retten kann. Sie kommen aus Burundi, Lesotho, von der Weltbank…

ZEIT ONLINE: Das Programm der GIZ mag sehr gut sein. Es wird auch von anderen Experten gelobt. Aber anderswo in Äthiopien vertreibt man Kleinbauern, um umstrittene Großprojekte zu bauen, zum Beispiel Staudämme.

Schoeneberger: An solchen Projekten sind wir nicht beteiligt. Ich kann nur sagen, dass die Regierung viel für die Kleinbauern tut. Und es gibt noch viel Potenzial: Im Moment wird nur ein Zehntel der Böden, die zur Bewässerung geeignet wären, derart genutzt. Äthiopiens Bevölkerung wächst, und die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, alle zu versorgen. Das geht nur mit den Kleinbauern. Und genau da setzen wir an.

ZEIT ONLINE: Bald beginnt wieder die kleine Regenzeit. Was, wenn der Regen auch in diesem Jahr ausbleibt?

Schoeneberger: Das wäre katastrophal. Ich suche jetzt schon täglich nach Wolken am Himmel. Aber bislang war noch keine einzige zu sehen. Aber ich bleibe optimistisch.

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