Die Wirtschaft in Deutschland wächst, die deutschen Exporte brechen Jahr für Jahr neue Rekorde und die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit Langem nicht mehr. In manchen Regionen Süddeutschlands herrscht gar Vollbeschäftigung – mehr geht nicht.

Doch viele Deutsche trauen den positiven Statistiken nicht. Sie werfen der Politik vor, die großen Probleme des Landes zu verkennen. Aus ihrer Sicht kommen die Wohlstandsgewinne – wenn überhaupt – nur sehr partiell bei einem Großteil der Bevölkerung an. Sozialverbände wie der Paritätische Wohlfahrtsverband beklagen sogar eine noch nie da gewesene Armut in Deutschland. Aber stimmt das? ZEIT ONLINE geht der Frage in vier Punkten nach.

Wie stark wächst die Altersarmut?

Es gibt wohl kaum ein Thema, das so viele Menschen umtreibt wie die Angst vor Armut im Alter. Werde ich dann noch genug zum Leben haben? Muss ich zusätzlich privat vorsorgen?

"Die heutige Rentnergeneration ist überwiegend gut versorgt", heißt es im Alterssicherungsbericht der Bundesregierung. Er stammt aus dem Jahr 2012 und wird einmal pro Legislaturperiode veröffentlicht. Im Durchschnitt haben Alleinstehende über 65 Jahre in Deutschland demnach 1.366 Euro pro Monat zur Verfügung. Ehepaare kommen auf 2.433 Euro (siehe Grafik). Davon finanzieren sie ihre Ausgaben, inklusive Wohnen.

Das klingt nicht nach echter Altersarmut. Aber ab wann gilt man überhaupt als arm? Um Armut zu messen, wird meist die sogenannte Armutsgefährdungsquote herangezogen. Von Armut bedroht sind demnach alle, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. In Deutschland liegt dieser Wert bei 892 Euro pro Monat für einen Alleinstehenden.

Angesichts hoher Durchschnittsrenten könnte man meinen: Dann ist doch alles in Ordnung. Schaut man sich den Alterssicherungsbericht genauer an, ergibt sich aber ein differenzierteres Bild. Demnach müssen beispielsweise rund zehn Prozent aller Alleinstehenden über 65 Jahre mit 500 bis 750 Euro im Monat auskommen. In ländlichen Regionen mag das gerade noch reichen, in Metropolen wie München wird es schon deutlich schwieriger. In Deutschland sind 14,3 Prozent aller Menschen über 65 Jahre armutsgefährdet. Unter den Geringqualifizierten liegt die Quote sogar bei 24,9 Prozent (siehe Grafik).

Der Begriff der Armutsgefährdung ist jedoch umstritten, weil es sich um eine relative Messgröße handelt. Steigt etwa der gesamte Wohlstand in einer Gesellschaft, so steigt auch die Schwelle, ab der jemand als arm gilt. Die Armutsquote bleibt also im Extremfall konstant, obwohl die Einkommen der Armen gestiegen sind. Für Kritiker der Quote zeigt der Wert lediglich die Einkommensspreizung in einer Gesellschaft und nicht die tatsächliche Armut.

Immer weniger Geld im Alter

Andere Experten argumentieren, dass Armut nicht erst dann beginnt, wenn man Pfandflaschen einsammeln muss. Forscher wie der Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge plädieren dafür, den Armutsbegriff weiter zu fassen: Auch wenn man genug Geld hat, um die elementarsten Grundbedürfnisse zu befriedigen, kann man arm und sozial ausgegrenzt sein, weil man sich etwa Kinokarten nicht leisten und nicht am sozialen Leben teilnehmen kann.

Egal, wie man Armut am Ende definiert, sicher ist: Immer mehr Menschen werden künftig im Alter mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Unter den Geringverdienern und den Migranten ist ihr Anteil schon heute besonders hoch. Die Ausweitung des Niedriglohnsektors und der prekären Arbeitsverhältnisse habe dazu geführt, dass viele Menschen nur geringe Rentenansprüche hätten, sagt Gerhard Bäcker, Professor am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen in einer Studie der Bertelsmann Stiftung. "Ganz entscheidend für das Armutsrisiko ist aber, dass infolge der Rentenreformen das Leistungsniveau der Rentenversicherung gesunken ist und kontinuierlich weiter absinken wird." Eine Ursache hierfür ist die demografische Entwicklung: Immer weniger Beschäftigte müssen für immer mehr ältere Menschen aufkommen. Eine wachsende Zahl von Renten wird deshalb in Zukunft unter dem Niveau der Grundsicherung liegen. Die Betroffenen sind dann zusätzlich auf Sozialhilfe angewiesen. Wie viele es genau sein werden, ist unter Forschern umstritten.

Zu wenig Privatvorsorge

Im Alterssicherungsbericht der Bundesregierung heißt es dazu: "Auffällig ist, dass insbesondere Bezieher geringer Einkommen noch zu wenig zusätzlich für das Alter vorsorgen." Rund 42 Prozent der Geringverdiener (Monatsbruttolohn unter 1.500 Euro) habe weder eine betriebliche Altersvorsorge noch einen Riester-Vertrag. Dabei werde dies "zukünftig immer wichtiger". Übersehen wird dabei, dass diese Menschen oft gar nicht privat vorsorgen können, weil ihr Einkommen zu gering ist.

Thomas Piketty - "Ungerechte Einkommensverteilung gefährdet die Demokratie"